BarCamps heute

Vor kurzem war ich wiedermal bei einem BarCamp, wie so oft in den letzten Jahren… und bin jedoch diesmal eher frustriert raus gegangen. Und auch ein wenig verärgert.

Die Zeiten haben sich radikal verändert… wo früher Leute auf dem Podium standen, die bereits seit Jahren alle Entwicklungen beobachteten und mit dabei waren, stehen heute, die gerade mal um die 18 bis 20 sind und wollen einem erzählen wie die Welt funktioniert. Da fallen schnell mal Wörter wie Social Media, Web 2.0, iPhone, Facebook, Twitter und dergleichen… aber das war es auch schon. Da werden Phrasen gedroschen, über die sich jeder Werbetexter unheimlich freuen würde. Da wird jede Entwicklung nur aus einem Winkel beleuchtet – dem aktuellen Hype.

Da steht neben mir einer, der mir erzählt, er beschäftigt sich “bereits seit einem halben Jahr” mit Social Media und Blogs und so was… und er findet das “total cool”. Und genau die stehen plötzlich oben und erzählen was von Marktanalysen, Emotionen der User und langjährigen Entwicklungen.

Pah!

Diese Typen erzählen auch den anderen, wo Facebook und Twitter in 5 oder 10 Jahren stehen werden… ach wirklich? Sie faseln was davon, dass morgen die ganze Welt nur noch Twittern wird, trotz des Abgangs vieler User zur Zeit. Die der Meinung sind, noch mehr virales Marketing ist besser, am besten noch mehr – und vergessen, dass eine Übersättigung zu einem Verlust der Wahrnehmung beim User führt.

Ich habe das Gefühl, dass die IT-Trend-User permanent in ihrer eigenen Suppe schwimmen und es verlernt haben, über den Tellerrand zu blicken. Zu schauen, wie der User in unseren heimischen Gefilden wirklich technisch ausgestattet ist, anzuerkennen, dass nicht jede amerikanische Plattform sich in Europa durchsetzt automatisch. Einmal zu bedenken, dass man vielleicht selber als IT-Freak Social-Media-Stuff und Co. verwendet, aber noch lange nicht der Durchschnittsuser ums Eck. Klar, Facebook kennt jeder und viele sind auch oben – aber deswegen führt noch lange nicht jede Facebook-Kampagne deshalb zum Erfolg. Deswegen ist nicht Facebook auch automatisch der zentrale Punkt für alle Entwicklungen.

Man darf beispielsweise nicht vergessen: MySpace war auch mal groß – vor allem wenn man bedenkt, dass zur damaligen Zeit auch wesentlich weniger “Menschen” Internet-Anschlüsse hatten… und was ist daraus geworden?

Ich will nicht sagen, dass keiner von denen eine Ahnung hat und ich schon… überhaupt nicht, es wird auch viele junge IT-Freaks geben, die erst ein Jahr dabei sind und dennoch neue Trends erschaffen, ohne geistige Altlasten mitzubringen, die frisch ans Werk dabei gehen und deshalb wesentlich kreativer sind. Nur immer öfter beobachte ich bei BarCamps die “jungen Wilden”, für die die Welt mit Facebook, Twitter und iPhone beginnt und aber auch endet. Mehr gibt es da nicht… und DAS ist erschreckend.

Es erinnert mich an junge Schüler heutzutage, die kaum noch richtig lesen können oder den Sinn von langen Sätzen erfassen. Die von einem einfachen Schachtelsatz überfordert sind und wenn man ihnen ein leeres Papier hinlegt und sagt: schreibt was… dann kommt nichts, weil sie “wissen nicht was, ihnen fällt nichts ein”. Die Kreativität bei der Entwicklung neuer Tools und Social Stuff ist da, aber sie passt sich immer mehr den Vorgaben von einigen wenigen Herstellern an… der Rest ist so was wie “Abfall” und wird nicht weiter beachtet. Solange man für ein iPhone entwickelt und brav seinen Facebook-Account stündlich aktualisiert und jeden Tag 300 Nachrichten auf Twitter los wird, ist man am Puls der Zeit.

So ein Bullshit!

Heutige BarCamps sollte man besser in DummieCamps umbenennen. Keiner, der sich lange genug mit dem Netz beschäftigt hat, würde ernsthaft auf die Idee kommen, zu behaupten, Facebook würde in 10 Jahren definitiv eine zentrale Rolle spielen. Ja, klar – natürlich kann es sein, nur der Punkt ist: man weiß es einfach nicht. Deswegen ist jede “genaue” Vorhersage unseriös. Nur werden diese zweifelhaften und herzigen Vorhersagen der jungen IT-Freaks von der breiten Masse ernst genommen… und damit verstärkt sich das “Tellerdenken” in der Gesellschaft immer mehr. Und das hemmt die Entwicklung neuer Ansätze.

Ich lasse mir gerne an den Kopf werfen, dass ich hier großkotzig Reden schwinge und alten Denkmustern nach hänge, aber die anderen machen es nicht besser oder sogar eine Spur schlimmer – sie nehmen Marketing- und Medien-Gefasel einfach hin und laufen blind nach… und das, obwohl sie es eigentlich am besten wissen müssten… anstatt den Geist offen zu halten und damit immer eine Möglichkeit zu haben, über den Tellerrand zu blicken. Etwas, dass von BarCamp zu BarCamp immer mehr und mehr verloren geht.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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