Im Laufe der letzten Tage, als ich in der Stadt unterwegs war, ist mir ein weiteres mal bewusst geworden, wie stark anonym unsere Gesellschaft geworden ist – und zugleich wie eng verwoben wir alle sind. Ein einfaches Beispiel – man möchte eine kleine Straße überqueren, ein Auto kommt, bleibt steht und der Fahrer gibt einem ein kurzes Handzeichen. Er signalisiert einem, dass man die Straße überqueren darf und man vertraut auch darauf. Selber bedankt man sich ebenfalls mit einem Handzeichen – aber aus mehr besteht dieser Vorgang nicht. Man hat nicht einmal das Gesicht des anderen gesehen – dazu ist die Scheibe zu verspiegelt.
Ebenso – eigentlich müsste man fast sagen “erstaunlich” – ist das Gewühl auf einer Einkaufsstraße. Da stehen, gehen und laufen tausende Menschen in unterschiedliche Richtungen – und dennoch berühren sie sich kaum. Ich bin gestern über die Wiener Einkaufstraßen spaziert und habe auf der ganzen Strecke praktisch niemanden berührt. Man weicht sich aus, geht einen Schritt zur Seite oder der andere bleibt kurz stehen – es ist eine permanente, stille Kommunikation miteinander, jedoch ohne persönliche Substanz. Wer mal den Kopf gesenkt hält, kann trotzdem, ohne jemanden anzublicken, durch die ganze Stadt laufen und fahren, still kommunizieren und handeln – im Einklang mit den anderen.
Vieles ist einfach in uns verankert. Warum schiebt einer den Einkaufswagen im Geschäft zur Seite? Man macht es automatisch, lässt dem anderen Platz, möchte nicht im Weg stehen… vieles davon liegt in der eigenen Erziehung und unserem gesellschaftlichen, jeweiligen Umfeld – aber ich bin auch der Meinung, dass auch ein kleiner Funke dabei ist, der einem gewissen Instinkt folgt.
Regeln einhalten, miteinander auskommen, sich in irgendeiner Form respektieren. So gesehen ein egoistischer Vorgang, der dem Selbstzweck dient. Halte ich mich daran, kann und darf ich es auch von dem anderen erwarten. Und das wiederum kommt mir selber zugute. Eigentlich verständlich, müssen schließlich etliche Milliarden Menschen – die alle einzelne Unikate mit ihren eigenen Ansichten, Gedanken und Ziele sowie Handlungen sind – miteinander irgendwie auf dieser Erdkugel auskommen – sonst bricht das absolute Chaos aus – oder eben bewaffnete Konflikte. Man stelle sich nur den Straßenverkehr vor, wenn jeder keinen Millimeter zurückweicht. Das Ergebnis wären Staus, Konflikte und Zeitverlust. Dinge, die auch in der Natur durch Grundinstinkte verhindert werden, da sie die Art, Rasse oder Gattung schwächen.
Man könnte es weiter aufdröseln. Sind wir egoistischer als Tiere oder ist es umgekehrt? Abgesehen von der grundsätzlichen Frage, ist eine Trennung zwischen Mensch und Tier überhaupt sinnvoll…? Man denke nur wie stark instinkt-gesteuert wir sind. Bei enorm vielen Handlungen im Alltag. Eine Mutter wird ihr Kind unter allen Umständen verteidigen – ein Grundinstinkt, geht ein Mann oder eine Frau am anderen Geschlecht vorbei, “zieht” man bis heute unbewusst den Geruch oder Parfüm des anderen in sich und bewertet ihn, Menschen, die sich nicht leiden können, halten automatisch Abstand, ihre aufrechte Körperhaltung verstärkt sich dabei und die Bewegungen sind wesentlich bedachter – um den anderen keinen Angriffspunkt zu vermitteln. Wir bewerten den anderen nach seiner Stimme, Geruch, Gangweise und Statur – ohne es aber bewusst zu machen. Laufen viele Menschen in eine Richtung, laufen die anderen wie bei einer Herde nach. Wir sind nach wie vor bei Angst oder bei Schock gelähmt, wir lachen unverweigerlich mit und passen uns der Gruppe an, damit wir integriert sind (ohne aber dessen bewusst zu sein), wir meiden instinktiv Gefahrensituationen und so weiter und so fort.
Aber es gibt einen Unterschied – im Tierreich ist der Selbstzweck in einer ursprünglichen Ansicht wesentlich höher, da er ja auch der Arterhaltung dient. Auf schwache Tiere kann keine Rücksicht genommen werden, denn es verlangsamt die ganze Herde und gefährdet den Bestand. Wer sich die Pfote oder Hufe verletzt hat, ist dem Risiko eines frühzeitigen Todes ausgeliefert. Auch generell – in der Natur an Altersschwäche zu sterben, ist eher eine Seltenheit. Da wird stattdessen der nächste Winter oder Trockenperiode zur natürlichen Selektion. Nur die starken und besten kommen durch – und erhalten somit den Artbestand und garantieren eine fortlaufende, stabile Evolution. Der Mensch hingegen bleibt stehen, hilft einem Verletzten auf der Straße, einem Rollstuhlfahrer, alten Menschen und so weiter. Die Frage ist warum? Worin liegt der “Gewinn” für die Gattung Mensch, einem anderen zu helfen? Damit einem selber geholfen wird, wenn man selber mal betroffen ist? Eigentlich wäre das dann doch auch ein reiner Selbstzweck und Egoismus.
Selbstlose Hilfe. Meiner Meinung nach gibt es die nicht wirklich. Jede Form der Hilfe befriedigt zugleich auch das eigene Ich – ohne dass man das jetzt verwerflich sehen muss. Wenn ich jemanden etwas schenke, ihn unterstütze oder sonstwie “helfe”, dann deswegen, weil ICH wollte, dass es dem anderen gut geht bzw. ICH der Meinung bin, dass dieser Mensch die Hilfe notwendig hat. Unabhängig ob der andere es erbeten hat – die Entscheidung dazu kommt von innen. Der Mensch und die soziale Ader. Eigentlich dient es nur dem dem Selbsterhalt oder Selbstzweck – so oder so. Und es funktioniert, denn die Menschheit wächst und ist stabil in ihrer Form – seit Jahrtausenden. Das soziale Gefüge ist damit eigentlich die Optimierung und Verbesserung aus dem Selbsterhaltungstrieb im Tierreich. Wir verteidigen nicht nur weiterhin das Revier gemeinsam und verteilen die Arbeit auf die Gruppe um eine höhere Produktivität zu erreichen, sondern wir helfen den anderem “selbstlos” – um das eigene Ich und die Gruppe zu verstärken. Unbewusst und-oder bewusst. Natürlich könnte man Gesetze, gesellschaftliche Regeln und so weiter auch einbinden, aber ich denke, das System würde sich auch so ganz automatisch einpendeln. Es funktioniert in der Grundform bei allen Völkern – manchmal abgestumpft durch Krieg und Armut, aber der Funken an sich ist überall da.
Der Autofahrer, der mich über die Straße lässt, hat nicht viel davon, er hat Zeit verloren, er kennt mich nicht, ich ihn auch nicht, man wird sich vermutlich nicht ein zweites Mal über den Weg laufen und auch sonst gibt es keinerlei Bezug oder tiefgründiges. Aber es dient dem gesamten, komplexen System und stärkt mich – und zugleich ihn. Es ist eine fortlaufende, ununterbrochenen stille, gemeinsame Kommunikation und Basis, die uns alle gegenseitig am Leben erhält.
Ja, sinnfreies und sinnloses Posting, ohne Mehrwert oder produktiven Inhalt oder irgendeiner Erkenntnis, aber es war halt gerade in den Fingern drinnen und musste raus.



