Tellerrand

Die letzten drei Tage war ich in verschiedenen Entwickler-Foren und IRC-Kanälen unterwegs und habe Unterstützung da und dort angeboten – einfach um nicht aus der Übung zu kommen, die Zeit aktiv und mit Fokus beruflich zu nützen, aber auch um verschüttetes IT-Wissen wieder zum Leben zu erwecken. Man sollte meinen, dass die meisten der OpenSource-Projekte oder dergleichen sich über Unterstützung freuen… ja, solange bis… solange bis man auf deutschsprachige Communities stößt.

Und dort kann man auch das beobachten, was sich seit einiger Zeit leider in der deutschsprachigen Wikipedia-Community abspielt… eine unglaubliche Arroganz, Tonlosigkeit und Verbissenheit. Sturheit. Offen oder einen Blick über den Tellerrand? Nicht drinnen. Anregungen oder sachliche Kritik? Nicht drinnen. Zur Verfügung stellen von kostenlosen Ressourcen? Nicht drinnen. Und das lässt sich in so ziemlich alle Gebieten wiederholen.

Schreibt bzw. kommuniziert man mit einem amerikanischen oder beispielsweise italienischen Entwickler, dann ist der sofort offen für neues, lässt sich schnell begeistern oder übt Kritik – aber sachlich und ist bereit, auch seine Meinung zu revidieren oder gemeinsam etwas neues zu erarbeiten – und ist nicht von Grund auf abgeneigt. Sobald man es jedoch nur wagt, mit der selben Gattung in einem deutschsprachigen Land in Verbindung zu treten, scheitert man schon oft an der Einstiegs-Hürde alias “Kennen wir nicht, woher kommst Du, nur wenn Du die letzten 10 Jahre im geschlossenen Kreis dabei warst, Fremde sind nicht zugelassen” usw… Es ist wirklich erstaunlich.

Und in beinahe mehr als 25 verschiedenen Gesprächen in den letzten Tagen zeigt sich auch, dass deutschsprachige IT-Menschen zu den arrogantesten überhaupt gehören. Nur seine Meinung zählt, er weiß es auf jeden Fall besser und vor allem “haben wir das immer schon so gemacht, wozu ändern?”. Offenheit für “externes”: null. Man hat anscheinend Angst etwas zu verlieren, die Kontrolle abzugeben und grundlegend überhaupt “zu teilen”. Jeder hütet sozusagen seinen Schatz auf Teufel komm raus oder lebt in einer abgeschlossenen Gruppe – und will auch gar nichts vom Rest wissen.

Erinnert mich an eine für mich überraschende Begegnung vor vielen Jahre, wo mir ein Programmierer stolz sein CMS (Tool um eine Webseite zu aktualisieren) gezeigt hat und mir erklärte, dass es jetzt für den Redakteur auch möglich ist, den Text mit Formatierungen zu versehen (fett, kursiv,…). Als ich im zeigte, dass ich ähnliches auf einer meiner Seiten bereits lange und infach aus dem Netz geladen hatte, war er fast sprachlos. Als ich ihn fragte, ob er nicht auf die Idee gekommen ist, einfach mal nach einem vergleichbaren Tool zu “googlen”, meinte er “Nein!?”. Hat aber Monate lang viele, viele Stunden und viel Arbeit investiert, als stattdessen einfach mal zu schauen, was die anderen im Netz so machen. Irgendwie passt das zu der aktuellen Situation recht gut.

Alles in allem also ein frustrierendes und sehr ernüchterndes Ergebnis – dafür weiß ich jetzt erst recht, dass ich im Online-Leben eher den Alleingang bei Projekten wähle – oder über den Tellerrand und die Landesgrenzen blicke. Und natürlich – auch ich muss aufpassen und ja, auch mir fehlt es schwer zu “teilen” oder andere mitreden zu lassen… diese eingeschränkte Sichtweise ist mir heute wieder mal auch selber sehr bewusst geworden.

“Wir san wir”. Prost.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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