Man kann die Veröffentlichungen der letzten Tage und Wochen natürlich diskutieren – sinnvoll oder nicht, was bewirkt es genau und so weiter… Aber ich bin doch überrascht, dass es viele gibt, die sich dagegen stellen, die nach einer Verschärfung der Strafen und Kontrollen im Netz rufen, die dafür sind, dass solche Dinge nicht mehr passieren dürfen, die wollen, dass generell anonyme Plattformen eingestellt werden, die der Meinung sind, das “Volk” solle sich da nicht einmischen. Und – damit meine ich jetzt nicht Politiker oder einen ähnlichen Kreis. Nein, sondern ganz normale, kleine Bürger – Menschen in meinem Umfeld auf gleicher Höhe. Und das überrascht mich.
Ich bin definitiv kein Linker und auch kein Rechter. Ich habe Fanatismus in jeder Form immer schon nicht ausstehen können, egal ob politisch, religiös oder aus sonst irgendeiner Sicht und bin auch derjenige, der der Meinung ist, ein Mittelweg kommt allen zu Gute. Ich bin auch gerne mal neutral. Naturgemäß steht man da in der polarisierten Welt damit recht verloren und einsam da. Aber nun gut. Aber dass einfache Bürger sich nun darüber mokieren, welchen Schaden Wikileaks anrichtet – dann frage ich mich von welchem Schaden reden sie genau? Natürlich haben die Veröffentlichungen einen Effekt – liegt in der Natur der Sache und es mag auch sein, dass dadurch “Menschenleben gefährdet sind”. Aber das ist in Krieg, Diplomatie und in der Arbeit von Geheimdiensten so oder so Alltags-Brot. Dass die großen Regierungen diese “kleine” Webplattform mittlerweile säuerlich aufstößt mag man ja noch verstehen, wird hier doch ihr Machtzentrum, der übergeordnete Konservatismus in Urform und die Unbestreitbarkeit in ihren Grundfesten in Frage gestellt. Das verstehe ich sogar – was dramatischerweise passiert, wenn sich das Volk selber (nicht-) regiert, hat man schon oft genug gesehen in der Zeitgeschichte. Aber genauso, was passiert, wenn es niemanden gibt, der hinterfragt, aufdeckt und so weiter… unsere Zeitgeschichte ist voller schmerzlicher Beispiele.
Hat sich irgendwer die “Schluss/Schlichtungs-Rede” von Heiner Geißler zu Stuttgart 21 angeschaut? Ausnahmsweise habe ich mir das ganze live angeschaut. Normalerweise ist es mir ehrlich gestanden eher egal, was in Deutschland da drüben passiert und mir fehlt auch der Bezug dazu – speziell politisch, aber hier hat sich gezeigt, dass das Volk durchaus eine Macht hat und Dinge verändern kann, die über ihren Köpfen passieren. Und ich meine damit nicht den klassischen, ausgemerzten Kampf zwischen Groß und Klein seit Jahrtausenden. Denn immer hat das niedrige Volk gegen die Machthaber oben rebellieren wollen, sei es aus einem Gefühl der Unterdrückung, aus Missverständnis, aus religiösen Gründen oder aus – oft falsch verstandener – Rebellen-Romantik. Schnell mal werden Che Guevara Fahnen geschwenkt, hauptsache man zeigt es denen da oben und fühlt selber die “Macht”. Nur das finde ich gefährlich, obwohl auch ich generell dieser Romantik gerne unterliege – in der Realität aber ist es natürlich nicht “ganz so schön”.
Was ich meine – und damit wieder zurück zur Rede – ist, dass sich jedoch bei dem Kompromiss immerhin gezeigt hat, dass das “Volk” nämlich gar keine so “dummen Fragen” hatte und viele davon nun doch in das Bauprojekt eingeflossen sind. Viele Dinge, die einfach nicht berücksichtigt, vergessen oder gar ursprünglich nicht in Erwägung gezogen wurden. Hier zeigt sich, dass also ein “Miteinander” wesentlich mehr zugute kommt – auch wenn da weiter oben oder unten jemand auch mal in den sauren Apfel beißen muss. Ein perfektes Ergebnis gibt es natürlich nie – aber eine Annäherung.
Und sowohl in unserem Land – als auch in vielen anderen Ländern – hat man ja speziell in den letzten Jahren gesehen, was passiert, wenn es niemanden gibt, der mal etwas genauer hinschaut… was passiert, wenn keiner mehr Fragen stellt oder – auch unerlaubt – Einblicke in Unterlagen nimmt. Ein Blick nach Russland auf die ermordeten Journalisten der letzten Jahre macht deutlich, dass so etwas lebensgefährlich sein kann. Amüsanterweise sind genau die Gleichen, die jetzt Wikileaks hinterfragen, total bestürzt über solche Anschläge auf diese “Zeitungsmenschen” und finden es “schrecklich da in Russland, schon schlimm” – aber Wikileaks ist dann böse!? Aha. Dabei passiert hier nichts anderes als auch Journalisten bei Print-Zeitungen machen. Hat jemand von denen auch den Spiegel, News, FAZ, Profil und andere Zeitungen verdammt, wenn sie Politik oder Machtspielchen mit Millionen aufgedeckt haben, Ermittlungsfehler, Veruntreuungen, Waffenhandel mit Ländern, die eigentlich auf der Abschussliste stehen? Nein. Und deswegen bin ich verwundert.
Und ich bin mir auch sicher, dass nicht Wikileaks oder die Veröffentlichungen das wirkliche Problem sind. Sondern noch immer dieses “neue, unkontrollierte, unverständliche, undurchschaubare Internet”. Dieses “Ding” da, dass man nicht genau kennt und wo eh nur böse Sachen wie Killerspiele, Kinderpornographie, Gewalt und illegale Aktivitäten stattfinden.
Ich wette – würde man im breiten Volk den Namen ‘Wikileaks’ subtrahieren und stattdessen einfach den Namen einer “renommierten” Zeitung oder TV-Sender nehmen (FAZ, BBC, Euronews, ORF…) wäre der Aufschrei wesentlich geringer gewesen. Dann würde man sicherlich sagen “Ja, schau mal einer an, was da so abgeht – na gut, dass denen mal jemand auf die Finger klopft. Da wird gelogen, betrogen und Augenwischerei betrieben – zum Wohle eines (Anm.: beliebigen) Volkes auf Kosten anderer”. Aber bei einer Online-Plattform bekommt das Ganze gleich einen anderen Beigeschmack – da wird dann die Assoziation sofort auf “Illegal, Böse, Pseudo-Politische Bewegung” und “undurchschaubarer Untergrund-Sumpf” festgelegt.
Schon seltsam – Wikileaks ist nichts anderes, als moderner Journalismus – ein einzelner Journalist kann halt eben nicht mehr die Masse an Informationen heutzutage verarbeiten und hat auch entweder aus Überlebens- oder aus rechtlichen Gründen oder auch weil es einfach nicht der Blattlinie entspricht, die Möglichkeiten Informationen aufzudecken und breit zugänglich zu machen. Wikileaks löst dieses Problem… genauso wie sich Militär, Geheimdienste, Politik, weltweite Waren- und Börsenwirtschaft und Co. sich verknüpfen und bündeln. Wikileaks ist nur die logische und technische Weiterentwicklung des klassischen Print-Journalismus.
Mit einem Unterschied – jemanden den Mund zu verkleben oder ihn umzubringen ist nicht so einfach. Aber eine Plattform abzudrehen schon – hier hinkt die Technik dem Menschen leider hinterher. Das Resultat jedoch gleicht einem Journalistenmord. Es nennt sich Desinformation oder gar keine Information. Kein Hinterfragen, kein Hinschauen, kein Nachprüfen und keinen Blick über den Tellerrand. Still sitzen und warten, dass alles gut bleibt und geht. Nur sollte man dann eines bloß nicht machen – ein Geschichtsbuch aufblättern.
Gestern war ich – eher zufällig – noch auf ein-zwei Online-Plattformen unterwegs, in denen sich gerade Gruppen bildeten, um die Attacken auf die “Visa”-Webseite vorzubereiten (dürfte auch erfolgreich gewesen sein, wie man heute lesen kann)- eine sehr eigene Dynamik und viele ziehen sicher vor allem aus Spaß an der Sache mit – und weniger wegen des “Hinterfragens”. Aber im Endeffekt ist es nur eine natürliche Reaktion, wenn das “Volk” das Gefühl hat, dass hier nicht mit offenen Karten gespielt wird. Jetzt plötzlich werden Server und Spendenmöglichkeiten bei Wikileaks gesperrt – wegen Verletzung von AGBs und Co.? Mh, die Seite gibt’s schon seit Jahren – und bisher war das nie ein Thema, trotz vieler Aufdeckerstorys. Aber auch hier – würde man statt Server-Angriffen zig-tausende Briefe schicken oder Eier werfen… würde sich keiner beschweren.
Es ist und bleibt weiterhin noch immer das Problem mit dem “Internet/WWW” und seiner Bedeutung und Rolle in unserer (zu schnell gewordenen) modernen Welt.
Update: ORF-Meldung – “Paypal gibt Gelder aufgrund von Hackerangriffen wieder frei.” Ich lasse das mal unkommentiert hier stehen.



