…als so manche Webseiten. Seit einem bis zwei Jahren ist dieses Bloggersterben häufiger geworden – hat aber nicht mal ansatzweise etwas mit diesem gehypten Unwort und Blödsinn von “Blogs sterben aus” zu tun – im Gegenteil, auch Nachrichtenseiten und dergleichen haben bereits da und dort ihre Blogs und es werden mehr und mehr – sondern es verschwinden immer öfter die Haudegen der alten Schule (wie auch schon letztens geschrieben). So treue Bloggerseelen, die man teilweise seit Jahren begleitet virtuell und immer wieder mal liest – diejenigen, die von Anfang an dabei waren und somit eigentlich zum Kern der alten Szene gehören. Von denen löst sich nun fast im Monatsryhtmus einer nach dem anderen auf und verschwindet in den elektronischen Jadggründen. Und fast überall ist es der selbe Grund… so schreibt beispielsweise, da gerade zufällig entdeckt, Station57 alias Jenny heute:
Ich habe mich lange dazu verleiten zu lassen, am Alten hängen zu bleiben, vielleicht noch etwas herauszuholen. Aber Fakt ist, dass es nicht mehr möglich ist. Dass es mir hier nicht mehr gelingt, ehrlich zu bloggen – und damit meine ich, wirklich die Dinge zu schreiben, die ich so meine, die ich empfinde und auch, die mich und meine Person widerspiegeln – liegt daran, dass ich gerade versuche, mich in eine Hülle zu quetschen, die mir nicht mehr passt. (…) Ich bin aus diesem Blog herausgewachsen. (…) Dieser Blog wird geschlossen und bleibt es auch.
Das Archiv beginnt mit 2006, jetzt 2011 ist Schluss. Sehr schade – denn damit ist wieder einer der Blogs weg, die sich ausnahmweise mal nicht mit irgendeinem spezifischen Inhalt auseinander setzen, sondern einfach bunt und gemischt aus dem Leben erzähl(t)en.
Ich habe ja gestern Nacht so nebenbei versucht neue Bloggründe zu erforschen, und dabei ein wenig in [Wissenschaftsblogs](http://www.scienceblogs.de) gelesen, bin über eine Riege von Silicon Valley Aussteigern und Bloggern gestoßen oder auch auf Blogs von Ehrenamtlichen und ihren Alltag bei der Rettung und anderen. Aber alle haben das gleiche Problem (für mich) – der Inhalt dreht sich immer nur um das selbe – also ein festes Thema. Anscheinend fühlen sich die meisten Blogschreiber dazu verpflichtet, sich nur einer einzigen Sache zu widmen. Sonnenschein wollte einmal vor langer Zeit bloggen, überlegte dann und meinte “Ja, aber worüber? Man braucht doch eine Richtung, Thema, einen bestimmten Inhalt!” Ich bin genau der anderen Meinung, ich mag es, wenn ich in einem Blog eine Fachmeinung oder Experten-Grundlagen zu einem Thema lesen kann… aber dann beim nächsten Mal auch einfach mal “Hey, es hat geschneit” oder ähnliches finden kann.
Ehrlich bloggen – ja, das ist tatsächlich die größte und schwierigste Übung. Und eigentlich fast nicht möglich. Man kann anonyme Blogs führen und deren Adresse niemanden mitteilen, auch das habe ich schon gemacht früher und mich darin ausgetobt und ausgelassen, aber seltsamerweise haben sie mich nicht befriedigt. Vermutlich weil man dann ständig das Gefühl hat, man muss irgendwie aufpassen, ist sich nie ganz sicher oder es fehlt eben der persönliche Bezug dazu.
Und generell – ein Blog ist im Internet öffentlich abrufbar. Und das macht ihn anfällig dafür, dass Arbeitskollegen mitlesen, zukünftige Chefs, “Freunde”, die man besser nicht als Freunde haben möchte, jemanden der nachspioniert und Identitäten für diverse Zwecke mißbraucht und man irgendwann später auf irgendwelche Aussagen festgenagelt wird oder jemand plötzlich entäuscht ist, weil er sich oftmals fälschlicherweise zwischen den Zeilen selber erkennt und sich denkt, der mag mich nicht – auch schon passiert. Ganz klar – ein Tagebuch, dass tatsächlich niemand liest, wird offen und ehrlich geführt… würde es dann in den Hände des Umkreises kommen, wäre es vermutlich fatal. Auch ich blogge nicht ganz ehrlich immer – nicht um eine Fassade zu bauen oder einen netten Anstrich, sondern um Freunde, Familie oder sonst jemanden nicht unabsichtlich oder absichtlich zu verletzen oder bloß zu stellen. Das geht leider schnell, da reichen schon einzelne Worte. Auch wenn es vieles gibt, was ich gerne los werden würde.
Und natürlich schreibt man auch nicht über sein tiefstes Inneres, denn man hat ja gelernt – in unserer Leistungsgesellschaft, wo jeder evolutionstechnisch der Erste sein möchte – und muss – um nicht auf der Strecke liegen zu bleiben, spricht man besser nicht über seine Ängste oder sein Versagen in diversen zwischenmenschlichen Beziehungen. Das tut (leider) nicht gut.
Einerseits bin ich dafür, dass es wesentlich mehr Blogs geben sollte, die offen und ehrlich geführt werden und damit auch dem Rest der Menschheit einen Einblick geben – geteiltes Wissen, geteilte Meinungen und geteilte Ängste stärken schließlich die Gruppe. Stärken die Sozialität. Aber so wie in jeder Gruppendynamik, gibt es dann immer ein Arschloch darunter, dass einen persönlichen Vorteil sucht und dann gezielt die persönlichen Schwachpunkte abtastet und in seiner Egomanie und Selbstverwirklichung einsetzt. Deswegen verstehe ich auch, warum in dem heute – gegenüber früher – verhältnismäßig “böse” gewordenen weltweiten Netz mit Cyber- und beruflichen Mobbing, Identitätendiebstahl und der Schnellebigkeit von Freundschaften viele ihre alten Blogs genervt, frustriert und etwas müde geworden abdrehen – oder Fassadenblogger geworden sind um ihre Portfolios aufzupeppen.
Ich bin ca. alle drei bis vier Tage knapp dran, diesen Blog mit einem Passwort zu versehen und nur einem ganz kleinen Kreis Zugang zu gewähren. Dann denke ich mir, genauso wie es mir Spass macht, mal die Sichtweise eines anderen zu lesen, den man nicht kennt, der aber vieles womöglich ähnlich oder eben auch ganz anders wahrnimmt, möchte ich das mit meinem Blog ebenso anderen “Lesern” ermöglichen. Es ist nicht leicht. Wie schon einmal gesagt – ab einem gewissen Alter fehlt die freie Unbedarftheit und außerdem ist das weltweite Netz über sich selber herausgewachsen – zu groß, zu agressiv, zu breit – zuviel Masse für nichts. Ein Sumpf eben und ich denke, da können alle zustimmen, die schon lange dabei sind. Neue Generationen werden das nicht nach vollziehen können oder einem mit den tollen Möglichkeiten von Facebook und technischen Neuerungen in der Online-Welt konfrontieren… aber es geht hier nicht um die klassische, verherrlichte und damit verfälschte Nostalgie, sondern einfach um den Faktor Mensch. Eine kleine Gruppe an Menschen birgt mehr Sozialität in sich (oder sagen wir “leichter” und mit höherer Wahrscheinlichkeit), da meist jeder einen festen Platz besetzt und der Austausch untereinander höher ist, während bei großen Massen der Einzelne in der Gruppe immer weniger zählt. Die Moral sinkt.
Nun gut, ich bin jetzt ein wenig vom eigentlichen Thema abgekommen – dem des Bloggersterbens der alten Generationen. Heutzutage sind Blogs fast sowas wie Bewerbungsunterlagen geworden, Suchmaschinen fressen jedes Wort in sich und behalten es sich jahrelang und länger, Inhalte werden abkopiert und tauchen woanders unlöschbar auf und so weiter. Jedes Wort wird schnell auf den Prüfstand gestellt. Vielleicht ist persönliches Bloggen zu sowas wie Ball spielen auf einem Minenfeld geworden. Oder wie Massenklettern… jeder kann jederzeit einen Stein lostreten und ganz Lawinen und “Verluste” auslösen. Früher war man alleine in der Wand, abseits der Wege, ganz für sich – und wenn man jemanden getroffen hat, hat man sich begrüßt und gegenseitig Tipps gegeben und geholfen. Heute lauft man vorbei und stellt sich zeitweise gegenseitig auch noch ein Bein.
Vielleicht kommt doch noch der Tag, wo es hier ein Passwort geben wird oder ich die Seite für Suchmaschinen und Co. sperre und so weiter – aber aufgeben werde ich ihn nicht. Dazu fühlt er sich noch zu gut an – noch passt er.



