Heute hat Scott im seinem Blog die Frage nach der Grenzwertigkeit der Archivierung aufgeworfen. Darf man etwas zerstören… um es zu retten? In seinem Eintrag geht es um Zeitschriften, aber ich habe mir diese Frage auch schon oft gestellt. Speziell seitdem es das elektronische Netz gibt.
Ein Beispiel. In einem Archiv in irgendeiner Bibliothek auf dieser Erde ruht ein historisches Buch. Es ist bereits beschädigt, die Seiten sind verklebt, durch einen Brand extrem brüchig und würde man es öffnen, würde sich beispielsweise ein Schimmelpilz sofort über den unbeschädigten Rest hermachen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten… man bewahrt es in einer Vitrine auf, kontrolliert die Luftfeuchtigkeit und andere Dinge, schützt es vor Zugriff und vielen ähnlichen, externen und zerstörerischen Einflüssen. Möchte man es lesen oder auch einfach nur betrachten, muss man zu dieser Bibliothek weit und aufwändig reisen und kann nur als Einzelperson mit ebenfalls viel Aufwand Teile des Inhaltes erarbeiten. Und nur Wenigen ist der Zugang in begrenztem Umfang erlaubt. Aber dafür bleibt das Buch in Originalform – mit all seiner Schönheit und unverfälschter Echtheit – weiterhin vielen Generationen erhalten.
Aber es gibt auch den anderen Weg – man verarbeitet es, scannt jede Seite ein, löst dazu die Blätter voneinander, fotografiert es aus allen Winkeln, öffnet die Lederriemen, schneidet es stellenweise auf, opfert einige Blätter um andere rekonstruiereren zu können – man zerlegt es gewissermaßen. Auch mit dem Wissen, dass man das Buch nie mehr in seinen ursprünglichen Zustand zurück führen kann, es nie mehr wieder seine unikate Form erhält. Dafür jedoch kann man weltweit und überall die Seiten online abrufen, jeder kann sie betrachten, sie vervielfältigen, weiter reichen und den Inhalt studieren – und interpretieren. Das Wissen des Buches steht somit weltweit zur Verfügung. Das unikate, originale Buch hingegen ist verloren.
Was also tun? Ein Buch, das womöglich Jahrhunderte überstanden hat, mit Farben und Zeichnungen versehen wurde, die man heutzutage nicht mehr kennt oder neu erschaffen kann, deren Techniken unbekannt sind und Inhalte, die in ihrer Form einmalig waren… einfach zerstören?
Schwierig. Ich wüsste es ehrlich gestanden nicht. Man kann natürlich grundlegend streiten ob historische Sachen wichtig sind, aber dafür gibt es für mich eine klare Antwort. Ja. Denn unsere Zukunft ist schließlich auf dem Wissen der Vergangenheit aufgebaut. Wir Menschen bauen Steinchen auf Steinchen übereinander, würde man die Grundlage oder den Bodensatz ignorieren (beziehungsweise zerstören), kommt das System ins Wanken. Ein Grund, warum zum Beispiel Krieg in unseren Breiten selten geworden ist, ist die Erinnerung an die Zeiten des letzten Krieges. Ein Grund warum man heute viele Städte anders baut als früher, ist die Studie der damaligen Planungsfehler. Ein Grund, warum man heute bei Massenerkrankungen diese oder jene Maßnahmen ergreift, basiert auf der Studie der Art von Verbreitung und Auswirkungen in früheren Zivilisationen oder Generationen. Und ein schlichtes Buch der früheren Zeit und sein Inhalt kann schließlich ganze Generationen und Vorstellungen der Menschheit tiefgreifend verändern. Man nehme nur Überlieferungen der Bibel oder des Korans oder anderer religiöser Schriften… deren Bedeutung hat bis heute nichts an Kraft verloren, im Gegenteil – ihre Inhalte sind heute wieder Grundlage für viele aktuelle Diskussionen… und Konflikte.
Und all dies gilt auch für kleine, vielleicht unbedeutend historische Dinge. Ist es für uns wichtig zu wissen, ob ein Pharao diese und jene Dynastie eingeläutet hat oder ob er mit Grab-Beigaben anhand der Himmelsrichtungen bestattet wurde? Welchen Nutzen haben wir daraus? Was bringt mir das in meinem Jetzt? Man kann es nicht immer direkt sagen, aber in praktisch jedem Fall trägt ein kleines Puzzelteil zum Gesamtbild bei. Genauso wie man oft auch die größten Gebilde mit der Entfernung eines einzelnen Steinchens zum Einsturz bringen kann.
Ein Sandkorn ist unbedeutend. Aber Myriaden davon und mehr ergeben einen Sandstrand, eine Küstenlinie, einen Lebensraum für viele Tiere, die in weiterer Linie wieder die Nahrungsketten erhalten. Und irgendwann landet die Bedeutung dieses Sandkornes auch bei uns… als gewichtiger Teil unseres Daseins.
Insofern ist auch eine kleine Speerspitze oder ein “vergammeltes” Buch ein Teil des Ganzen. Darf man so etwas zerstören? So gesehen nicht. Auch wenn es immer irgendwo noch andere Sandkörner geben mag. Vielleicht muss man es aber auch völlig anders angehen… das Thema – das elektronische Zeitalter ermöglicht es uns schließlich, Wissen sozial zu transferieren, es umzuwandeln, es zu teilen und praktisch vielfältig und unbegrenzt 1:1 zu vermehren. Eine Option, die es in den Generationen, ja sogar in der ganzen Menschheitsgeschichte, noch nie in dieser Form gab. Natürlich – man konnte Bücher auch damals schon abschreiben, neue Schriften auf deren Grundlage drucken, aber fast immer gab es dabei Manipulationen – bewusst oder unbewusst, menschliche Fehler oder Falschinterpretationen, die wiederum fehlerhafte Kopien potenziell wiederholend erzeugten. Ein aktueller Buchscan hingegen, der nicht nachbearbeitet wird (inhaltsbezogen), sondern “unverfälscht” ins Netz gespeist wird, kann tausendfach, über viele neue Generationen hinweg, weitergegeben werden – ohne, dass dabei die Gefahr von Abänderung (zumindest unbewusster Natur) besteht.
So gesehen eine faszinierende Möglichkeit… bis heute träume ich ja von einer “Weltbibliothek”, in der alle historischen Dokumente, Bücher und Schriften und Gegenstände aller Länder, Kulturen und Religionen erfasst, durchsuchbar und lesbar sind. Und für jeden – ungeachtet seines Status, Herkunft, religiöser Zugehörigkeit oder Stelle in der Gesellschaft – zugänglich ist. Ein universaler Zugang also zu dem gesamten Wissen, dass die Menschheit in den tausenden Jahren und Generationen vor uns erstellt hat.
Mit dieser Bibliothek meine ich nicht nur Schriften. Auch elektronische Ansichten in 2D und 3D von archäologischen Fundstücken, Stoffmustern, Zeichnungen, Höhlenmalereien und so weiter. Eine Art von zentralem Wissenspunkt. Wikipedia versammelt beispielsweise unser Wissen in zentraler Form – ein großartiges Konstrukt der heutigen Möglichkeiten – es ist offen zugänglich, lässt aber zugleich auch Spielraum für Manipulation – das große, menschliche Problem. Die universale Bibliothek wäre jedoch einfach nur ein statisches Abbild dieser Dinge, sozusagen ein unverfälschter Schnappschuss. Und ich glaube, deren Inhalt würde vieles in der Menschheitsgeschichte völlig verändern, sogar auf den Kopf stellen. In einer zentralen Sammlung würden womöglich völlig neue Verkettungen von Dingen auftauchen oder entdeckt werden, durch einen offenen Zugriff können auch unvoreingenommene Menschen ihre Ansichten und Interpretationen neu aufbauen. Es wäre eigentlich revolutionär… Praktisch alle Museen dieser Erde, alle Archive und Lagerstätten, alle in seit Jahrzehnten und Jahrhunderten in Bunkern eingelagerten, somit verlorenen Schätze und vieles mehr… in einer virtuellen, frei zugänglichen Bibliothek.
Es gibt für mich ein kleines, großartiges Vorzeigebeispiel… vielleicht noch nicht perfekt, aber es symbolisiert und zeigt was ich meine: die Höhle von Lascaux.
Diese Höhle wurde mittels Laser-Scannern vermessen, abgetastet, erfasst und in 3D nachkonstruiert, die Wände wurden schließlich abfotografiert. Und daraus entstand dieser virtuelle Rundgang – um die Höhle abschließen zu können, um sie für spätere Generationen mit besserer Technik und Möglichkeiten zur Erforschung zu erhalten – und sie aber zugleich auch für jederman zugänglich zu machen:
http://www.lascaux.culture.fr
Man kann sich durch klicken durch die gesamte Höhle bewegen und einzelne Wand-Bilder studieren, an die Zeichnungen ranzoomen und so weiter. Man stelle sich das mit allen Ausgrabungsstätten, Grabmälern, Höhlen, Bauten und so weiter vor! Mit Fund-Gegenständen, Sarkophargen, Statuen und Stein-Werkzeugen. Mit Skeletten und Zeichnungen.
Und mit Büchern eben. Ich weiß zwar nicht, wie man das realisieren könnte – aber vor meinem geistigen Auge hat sich das utopische Bild dieser universalen Bibliothek bereits vervollständigt. Allen Menschen das historische zugänglich machen um zugleich die Zukunft zu sichern.
Aber all dies beantwortet nicht die eigentliche Frage. Darf man etwas zerstören, um es zu retten?
Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.