Staubige Straßen

Als ich gestern mit dem Bus zum Stadtrand fuhr um Marygotchi zu besuchen, bin ich ein weiteres Mal über den Sinn und Unsinn des Lebens gestoßen… und der unterschiedlichen Welten, in der wir alle gemeinsam leben.

Was ich an Feiertagen in Wien nämlich so gerne habe, sind die leeren Straßen – speziell in der Früh – da wo noch alles menschenleer ist, nur sehr wenige Autos um die Ecke biegen und alles ein wenig diesen abgelebten Charme einer alten Großstadt in sich trägt. Speziell im Winter kommt der mehr zu Geltung, wenn die Morgensonne mal ausnahmsweise sich einen Weg durch das Himmelszelt bahnt und in flachem Winkel die verstaubten, grauen und dreckigen Straßen ausleuchtet. Die Konturen und Schattierungen treten viel stärker hervor und man kann überall diesen feinen Staub auf der Straßen, den Autos, den Wohnhauswänden, auf der Sitzbank und auf dem Mistkübel und so weiter entdecken… die Milliarden an Kieselsteinchen auf den Fahrbahnen und altes, graues, halbverfallenes Laub und Zeitungspapier, das sich in die windgeschützte Ecke bei einer Busstation drängt.

Ich mag das.

Und so kurvten wir Businsassen durch die staubigen Straßen, eine goldglänzende Sonne, die mit ihren Strahlen alles verzierte… und standen schließlich bei einer Station, einer leichten Erhöhung in Wien, mit viel Ausblick und einer 4-spurigen Fahrbahn. Ein leichter Windstoß genügte und unzählige Zeitungspapier-Teile rollten und flogen langsam an uns vor, vermischt mit etwas Staub und altem Laub. Und ein älteres Wohnhaus, das völlig von grau-schwarzen, vertrockneten Efeu-Ästen überzogen war. Ich dachte mir in dem Moment einfach nur “Mmhhh, irgendwie hat das etwas Schönes an sich”. So eine Art von “die Natur holt sich die Stadt zurück”. Ich genieße solche Momente, weil sie – warum auch immer – für mich Freiheit verkörpern.

Doch vor mir konnte man schon ein älteres Ehepaar diskutieren hören… Wie kann das nur sein, schau wie dreckig, schau gehört abgerissen, Frechheit dieser Müll da, da liegt was, furchtbar, der ganze Staub, wie das ausschaut, da muss man sich ja schämen, usw…

Man darf mich nicht falsch verstehen. Natürlich sollte eine Stadt sauber sein und bleiben, auch schon aus ökologischer Sicht – und natürlich im Idealfall belastete man die Umgebung nicht mit Feinstaub, Zeitungspapier und zupft den Efeu schon 50 früher Jahren weg und lässt nicht das ganze Haus überwuchern und die Fassade beschädigen. Schon klar – vernünftig wäre es. Aber Mensch und Vernunft? Und – den beiden ging es gar nicht darum, sondern es hatte mehr von “Das passt nicht in unser Weltbild”…

Und genau hier beginnt sich die eine gemeinsame Welt zu trennen. Ich habe mir oft überlegt, wenn ich die Wahl hätte zwischen zwei Welten, welche ich wählen würde. Warum auch immer, aber würde man mich vor folgende Optionen stellen:

A) ein glänzender Rolls Royce
B) ein alter, staubiger Mercedes

A) perfektes, zweistöckiges Haus mit Garten, 30 Jahre lang abzahlen
B) altes, halbverfallenes, kleines, verwachsenes Industriegebäude

A) makellose Straßen, keine Kanten, Ecken, Flecken, Staub oder sonstiges
B) alte, staubige Straße mit Löchern

und so weiter (es gäbe noch viele weitere Varianten), dann würde meine Antwort oder Auswahl immer “B” lauten. Man darf mich jetzt nicht tiefenpsychologisch fragen, warum denn… ist halt so. Ganz einfach. Ich will kein Auto, bei dem ich bei jedem Ausparken Schweißperlen auf der Stirn habe, wegen der Gefahr eines Kratzers… ich will nicht 30 Jahre lang an ein Häuschen festgebunden sein und nicht mehr weg können, nur weil’s “vernünftiger” und so “perfekt” ist und ich brauche keine makellose Straßen, damit mein Sichtfeld nicht mit “etwas Störendem” getrübt wird.

Ich will leben. Lieber ein Auto, mit dem man einfach über die nächste Bodenwelle drüberbrettert und mal ein Tor mit der Front aufschubst, lieber ein abgefucktes Gebäude und darin sich austoben und nicht bei einem kleinen Stricherl an der Wand einen Nervenzusammenbruch erleiden und wenn auf der Straße ein alter Fußball rollt, dann ihn einfach weiterkicken. Und wenn das Haus mit Pflanzen bewachsen wird, dann will ich mir denken “Schön! Ein wenig Natur, ein wenig Lebensraum für Tiere und versteckt auch diese viereckigen Schachteln”.

Wenn man mit der U4 durch die Gegend tingelt übrigens, dann gibt es eine Stelle, wo rechts und links Häuser sich in den Himmel strecken. Versucht man sich nicht zu fokussieren, sondern einfach den Gesamteindruck wirken zu lassen, dann erinnert es frappant an eine Mischung zwischen Bienenwaben und Termitenhügel. Auch Häuser generell… wie lauter, unzählige, viereckige Kartonschachteln. Ist es da so schlimm, wenn mal Leben, Form, Farben oder etwas “artfremdes” rein kommt? Ist ein Blatt, das durch diese Häuserschluchten zieht und geweht wird, tatsächlich so schlimm?

Bei mir in der Nähe gab (gibt?) es eine Frau mit einem Hund, die damalig regelmäßig unten ums Eck einkaufen war. Sie war schon wesentlich älter, hatte aber noch immer diese beeindruckende Ausstrahlung eines jungen Mädchens, lange Haare, sportliche, schlanke und stolze Figur, ein unglaubliches Gesicht – sie könnte glatt in einer Vogue der 70er auf dem Cover abgelichtet sein. Auch daneben der Hund – eine Mischung zwischen einem 70-80er Jahre Collie-Lassie und einem Hundesalon-Parfüm-Föhn-Geschäft. Jedes Haar an dem Hund dürfte vermutlich einzeln hand-geföhnt worden sein… ich hatte bis zu dem Zeitpunkt noch nie einen Hund gesehen, der ein so glänzendes, lockeres, fallendes und fliegendes Fell hatte… wie die braun-gold-blonden-Haare eines jungen Mädchens im Frühlingswind. Jeder einzelne, federnde Schritt zeichnete sich im Fell durch den ganzen Körper ab und man konnte den geschmeidigen Körper darunter erkennen.

So weit so gut – und ich habe mich oft ertappt, wie ich heimlich nachgeschaut habe, einfach weil ich so fasziniert von dieser Erscheinung der beiden war und beiden eben auch diesen französischen 70er-Vogue-Chic-Style verkörperten. Ich mag das. Ja. Schaue das gerne an. Keine Frage. Aber – es war auch klar… dieser Hund wird nie in eine Lacke springen (dürfen), wird nie in gatschiger Erde mit anderen Hunden raufen und fangen spielen… und ihre Besitzerin wird vermutlich nie auf einer staubigen Stufe mal eben sitzen, auf einem Baumstamm oder sonstigem. Sie beide verkörperten einen tollen, fast atemberaubenden Look, aber zugleich leider auch diesen “bitte bloß keinen Kratzer”. Und da beginnt es dann bei mir wieder mit so einem “Mmmmrrrrrrrrrrr, ich weiß nicht”.

Ist es wirklich so tragisch, wenn durch eine menschenleere Straße ein Zeitungspapier geweht wird – anstatt einfach den Moment der Morgensonne zu genießen, das Gesamtbild wie aus einem Film auf sich wirken zu lassen und sich einfach freuen, dass man lebt und gerade einen ruhigen Moment vor Augen hat? Anscheinend schon. Manche Welten müssen unglaublich trostlos und depressiv sein. Ich bin jetzt in einem Alter mit knappen 30, wo ich auch im näheren Umkreis plötzlich immer mehr und mehr merke, wie festgefahren und oft konservativ viele Ansichten sind.

Da erfährt man Unverständnis, wenn man sagt, man will keine Kinder. Wenn man sagt, man will nicht die nächsten 30-50 Jahre ein Haus abbezahlen – der fragwürdigen Klassiker “Haus, Garten, Kinder, Garage und Auto”, wenn man noch immer keine Lebensversicherung anhäuft und noch keine Pläne für die Pension schmiedet. Ich erlebe plötzlich ehemalige Freunde, die stundenlang sich über ein harmloses, buntes Graffiti an einer grau-schwarzen, trostlosen Wand aufregen, solche die beginnen, richtiggehend zu zerbrechen, nur weil der Nachbar gegenüber statt weißen Vorhängen nun orange hat.

Anscheinend ist es ein Alter, wo sich jeder ein Weltbild zusammengebaut und erschaffen hat – und darin sitzt und Angst hat, dass es einstürzt, wenn man irgendwo an einer der Säulen ein wenig zupft. Irgendwie schade. Natürlich habe auch ich das – denn genauso kann man meine Ansicht ebenso in Frage stellen. Zeitungspapier und Staub sind gesundheitsschädlich, Efeu und Graffiti zerstört Eigentum, sein ganzes Leben ohne festen Wohnhaussitz zu verbringen ist vermutlich auch irgendwo nicht sinnvoll…

…aber um ehrlich zu sein: in meinem kleinen Universum gehe ich eigentlich relativ glücklich durch den Alltag. Ja, finanziell ist es ein Kampf. Ständig ein Existenz-Kampf. Ja, menschlich und sozial scheitere ich regelmäßig an mir selber und an anderen und bin da leider nicht gerade erfolgreich. Ich verliere mich in zuvielen Aufgaben und Projekten und fokussieren zu wenig die Bahn des Lebens. Aber ich freue mich wenigstens noch, wenn ein wenig Morgensonne eine einsame Straße in Goldfarben taucht und genieße den Moment, so wie er ist. Staub hin oder her.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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