Von der Kunst kein Raubkopierer zu sein

Weil ich gerade dabei war, diverse Tools und Programme am Rechner zu aktualisieren, deren Lizenz zu verlängern oder sie zu deinstallieren und nach Möglichkeit mit OpenSource-Produkten zu ersetzen – bin ich unter anderem über eine Diskussion bei Golem.de gestoßen, wo es wiederum mal um das Thema Raubkopierer geht. Vielfältige Diskussionszweige jeder der verschiedenen Seiten, Ansichten und Begründungen – ohne, dass man aber auf einen Nenner kommt.

Nachdem ich schon seit vielen Jahren im Netz hänge und natürlich auch in meiner Jugend Computerspiele bis zum umfallen verzehrte, gehöre ich vermutlich auch einer der frühen Bewegungen an, die anno dazumal hin und wieder natürlich auch mal ein Programm untereinander getauscht oder weitergereicht hat. Aber Blick nach vorne…

Vor einem halben Jahr wollte ich in einem damaligen Anfall von Archivierung meine sekundäre Fotosammlung von der Festplatte wegbekommen und auf Flickr uploaden. Dort gibt es den freien Account, aber auch einen kostenpflichtigen – den Premium-Account. Nun gut – zweiteres hätte die Vorzüge gehabt, die mich interessiert hätten, also versuchen wir einen zu kaufen.

Ich besitze keine Kreditkarte, keine sonstige VerschuldeMich-Card in irgendeiner Form – außer der standardgemäßen Bankomatkarte. Damit eliminieren sich bereits ca. 80% aller Onlinekäufe. Was tun… Paypal. Also einen Paypal-Account anno dazumal angelegt – vor 3 Jahren (?)- und auch schon hier gescheitert. Denn damalig konnte man OHNE Kreditkarte KEINEN Account in Österreich eröffnen. Die Möglichkeit, das Guthaben mittels einfacher Überweisung auch in Österreich aufzufüllen, kam erst vor einiger Zeit und somit später… und erst ab diesem Moment hatte ich dann einen Paypal-Account und konnte ihn “aufladen”. Lange Wartzeit. Mühsam – warum war das in anderen Ländern früher möglich?

Also bei Flickr daran erinnert und wählte die Bezahlmöglichkeit über Paypal aus. So weit so gut. Bequem – denn eigentlich reicht ein Klick und der Betrag wird vom Guthaben abgezogen, man erhält seinen Account und fertig. Nicht so bei Flickr – denn hier schaut der Weg so aus:

Bezahlung > keine Kreditkarte, sondern Paypal > Bestätigen > Meldung: um Bezahlen zu können, müssen Sie ihre Kreditkarte angeben.

Sehr witzig. Wozu Paypal-Funktion, wenn ich erst recht wiederum eine Kredikarte benötige??? Völlig sinnlos.

Und genau dieses, chaotische und mühsame Spiel findet sich auch bei Software-Produkten, Spielen oder Musik-Stores.

CMS-Gerüst für einen Kunden. Da möchte man sich ausnahmsweise mal ein kommerzielles, fertiges Produkt leisten, legt das Software-Produkt in den Warenkorb und möchte zahlen. Paypal? Keine Spur. Überweisung oder Einzug? Keine Spur – ausschließlich Kreditkarte. Kunde will auch nicht Daten hergeben, verständlich. Kein CMS, sondern ein anderes.

Animations-Tool. Ausgewählt die Software, sogar auf Deutsch – man will bezahlen – Möglichkeiten: Google Checkout. Sehr witzig, ist ja bei uns ganz besonders verbreitet und funktionstüchtig. Also kein Animations-Tool.

Bei einem der größeren Online-Anbieter Musik bestellt – auf einer guten alten CD/DVD mit Hülle. Man möchte ausnahmsweise mal etwas legal kaufen. Denkste – denn Lieferung erfolgt nur nach Deutschland, derzeit nicht nach Österreich.

Online-Spiel bei einem der größeren Game-Giganten. Online heruntergeladen, online mittels Paypal-Guthaben bezahlt. Spiel installieren, Aktivierung. Dazu erstmal eigenen verpflichtenden Account anlegen – mrrrr, ok. Account bestätigen. In den Account einloggen, dort mühsam Key suchen, Spiel starten, Key eingeben, klappt nicht, Account nicht aktiviert. Nochmal bestätigen, warten, Key eingeben, aktivieren. Klappt. Zusatzplugin einrichten – moment, muss auch aktiviert werden. Ok, nochmal einloggen, zweiten Key suchen, aha, erst hinzufügen, erstellen, Key bekommen – eintippen – klappt nicht. 4 Versuche – geht nicht. Hilfeforum nachschauen und feststellen, dass man nicht der Einzige ist. An den Support schreiben. Support antwortet nach 2 Tagen (!) mit Copy & Past-Antwort, die alles beantwortet, aber nicht die Frage. Spiel erneut aktivieren vollständig mit neuem User-Account – diesmal klappt es. Einen Tag später mitten drinnen Fehlermeldung – Key ungültig, bitte prüfen. Geht nicht mehr. “Man ist sich dessen Problem bewusst, wir arbeiten daran – bitte an den Support wenden”. Getan – selbe Antwort wie zuletzt. Alles neu aktivieren, klappt. Eine Woche später – wieder Fehlermeldung, Key ungültig, gesperrt. Bitte wenden Sie sich an den Support. Danke.

Anderes Spiel installiert, das gerade mal zwei Jahre alt ist und auch meinerseits legal im Geschäft gekauft wurde. Installiert, Single-Player schon zu Tode auswendig gelernt, also ab in den Mulit-Player-Modus (habe ich ja schließlich auch deswegen gekauft) und mit Gleichgesinnten online abhängen. Offizieller Server reagiert nicht. Keine Verbindung. Online nachschauen und feststellen beim Support, dass zur Zeit Störungen sind. Ok. Drei Tage später nochmal probieren – keine Reaktion. Hersteller-Blog verkündet eine Woche später, die Server werden abgedreht, da neue Version, Unterstützung der alten Spiele wird beendet. Kein Update möglich – Neukauf notwendig. 50 Euro Spiel nun sozusagen wertlos.

Kleines Video-Tool. Online kaufen – geht nicht. Nur über postalischen Versand möglich mit CD, Hülle, Key und so weiter. Bezahlmöglichkeit aber online und sofort möglich. Lieferzeit: 2-8 Wochen, da Übersee. Ich brauche es aber jetzt in den nächsten Stunden. Es handelt sich um ein elektronisches Programm, nicht um einen Metallblock.

Kleines Programmier-Tool kaufen. Bezahlt online – starte Programm. Was sehe ich? Eingeblendete Werbung. Kann man auch noch “wegkaufen” – erfährt man aber erst in dem Moment – wenn man es weghaben will. Bezahlmodell hoch drei.

Und jetzt das Tragische oder fast Logische. In fast allen Fällen hätte der illegale Download ca. eine Stunde gedauert, das Installieren wenige Minute und das “Cracken” ein paar Sekunden. Keine Wartezeiten, keine Kreditkarten, keine Online-Support-Wartezeiten, keine Werbung, keine Zusatz-DRM-Tools (die andere Programme wiederum beeinträchtigen oder eben einfach nicht klappen), keine Online-Verbindung notwendig, keine Demo-Versionen, die dreimal größer sind als der Spielspass – und alle Zusatzplugins gäbe es auch noch dazu – ohne Aktivierung oder Freischaltung oder sonstigem – und ohne der Gefahr, dass sie in einem oder zwei Jahren nicht mehr gehen.

Ist – natürlich – keine Entschuldigung. Raubkopieren ist illegal, keine Frage und auch Geschäftsschädigend. Würde mir auch nicht gefallen, wenn jemand meine Sachen einfach abkopiert, womöglich sogar noch zu einem kleinen Preis verkauft oder mit seinem Logo versieht oder mit Schadprogrammen bestückt. Und zudem – man kauft es zu den oder den Lizenzbedingungen – wem das nicht passt, muss man ja nicht kaufen, gibt ja noch andere Spiele oder Programme.

Also – das ist alles keine Begründung für “Deshalb bin ich Raubkopierer”. Über die Preise kann man zwar durchaus diskutieren, vielfach hätten meiner Meinung nach Hersteller einen wesentlich größeren Erfolg, würden sie den Preis zum 10-30 Euro reduzieren oder bei höheren Beträgen 100-300 Euro weniger – oder tatsächlich sinnvollen Support leisten und zwar innerhalb weniger Stunden… nicht Tage oder Wochen. Aber gut – es gibt mittlerweile viele OpenSource-Produkte, die ähnliche Features anbieten und ermöglichen – sind zwar manchmal eine gehörige Umstellung im Workflow – aber es geht defintiv.

Aber dennoch… sind wir uns mal ehrlich… nachvollziehbar bleibt es schon, wenn illegale Downloads herumschwirren und geladen werden. Man hätte schon längst (da technisch möglich) standardisierte Bezahlmodelle weltweit etablieren können – würde man mal Millionen und Milliarden nicht in DRM-Systeme, Keys und Registrierungen (die im Schnitt nach 48 Stunden gecrackt sind) investieren und das Geld stattdessen in einen runden Tisch und die Entwicklung neuer Modelle investieren.

Wie soll sich ein 11-jähriges Mädchen online Musik kaufen??? Geschäftsfähig ist sie nicht, kann so oder so also nicht ihr Lieblingsalbum kaufen und auf ihren MP3-Player spielen. Bankomat-Karte oder Kreditkarte? Auch nicht. Einzug? In dem Alter hat man kein eigenes Konto. Also kann dieses Mädchen ihre Musik nicht kaufen…

Bei Handys kann ich dem kleinen Mädchen einen 20er in die Hand drücken (Taschengeld) und sagen: geh in die nächste Trafik und kaufe dir eine Wertkarte, lade damit Dein Guhaben auf und Du kannst telefonieren.

Warum geht das nicht auch online für andere Dinge? Warum kann ich nicht mit einem beliebigen Guthaben auf einem Account egal bei welchem Anbieter damit egal welches elektronische Produkt kaufen? Fragwürdig, oder? Dabei könnte es schon längst so sein…

Also für mich scheitert das Online-Geschäftsmodell A) an den uneinheitlichen Standards bei der Bezahlung. Es ist eigentlich unverständlich, warum soviele Dinge standardisiert sind, aber bei den Bezahlmöglichkeiten ein völliger Wildwuchs herrscht. Hier bedarf es einer weltweiten, einheitlichen Lösung, unabhängig von Land und Währung und mit einheitlichen Alternativen zu Kreditkarten (am besten aufladbare Guthaben-Modelle – sie verhindern zudem, dass ich Zugang zu Konto und Co. öffnen muss, bei Mißbrauch ist schaden ebenfalls wesentlich geringer, da bei 0 Schluss ist). Und B) Aufhebung der technischen Grenzen. Beispielsweise Ebooks oder iTunes und Co. die bestimmte Geräte voraussetzen. Ich kaufe mir ein Buch und Amazon überlegt sich vielleicht in 2 Jahren neues Modell (Upgrade nicht möglich, sie müssen eine neue Ausgabe des Produktes erwerben). Ebenso die Geschichte mit den Online-Keys – denn das Ganze beginnt auch dann zusätzlich mühsam zu werden, wenn man den Computer wechselt, neu aufsetzt oder den fast üblich gewordenen Zusatz-Laptop zuhause ebenso ins Spiel holt (kann nur auf einem Gerät aktiviert werden).

Das Ganze erinnert mich an einen großen Platz. Auf der linken Seite liegt ein unglaublich großer Berg mit Schokolade, völlig frei zugänglich und kostenlos. Jeder kann zugreifen, allerdings sollte man nur hingreifen, wenn keiner herschaut. Und es kann sein, dass hier und da verdorbene Stücke darunter sind.

Auf der rechten Seite ist ein Schleusensystem mit Toren, Schiebetüren und dergleichen, wo man zudem zuerst zahlen muss und dann (und da auch nicht immer) eventuell in relativ kurzer (oder nach längerer) Zeit seine Schokolade bekommt. Die kann der Verkäufer aber bei Bedarf auch wieder aus dem Mund nehmen und mit dem Fuss einstampfen.

Vernunft, Recht und Illegalität hin oder her. Wir haben es mit Menschen zu tun. Wo wird der größte “Ansturm” sein?

Gäbe es hingegen viele Stände mit einheitlichen System, die auch ohne Schleusen und Wartezeiten funktionieren würde und man verlässlich seine Schokolade bekommt, würde der Online-Markt defintiv steigen und relevanter werden. Natürlich wird es noch immer welche geben, die vom anderen Haufen Naschen, aber auch beim Essen zeigt sich immer mehr in den letzten Jahren, dass wieder Qualität, Bio, Kundenfreundlichkeit und Co. gefragt ist. Und das breite Verständnis gegenüber Illegalität und Co. würde sinken bzw. einen schwereren Standpunkt haben.

Aber diese andere Welt bleibt vermutlich ein Traum. Denn da oben sitzen auch… Menschen. Und handeln so wie Menschen. Meines ist meines und gehört mir. Das teile ich nicht… und solange dem so ist, finde ich jede Meldung über die “traurige Gesellschaft, die ihre Werte verliert und verloren hat” in sich lächerlich. Denn technisch gäbe es schon lange die Lösung.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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