Leben. Atmen.

Verdammt. Ich sollte seit zwei Stunden im Bett sein. Es ist Mitternacht vorbei. Der Tag war einfach weg. Schneller als ich schauen oder atmen konnte. Aufstehen in der Früh. Essen. Zuwenig. Müde sein. Los. Du musst los! LOS! Der Termin. Er wird abgesagt. Dieses verdammte SMS. Ich kehre wieder um. Ernüchtert. Computer. Email. Email. Noch ein Email. Skypen. Mailen. Webseite bearbeiten. Mailen. Ich hasse Emails, ich hasse Handys. Und das Email auch. Und das erst recht. Geld online einzahlen. Super, pleite. Gott nochmal. Das Telefon läutet. Neuer Termin. Hungrig. Mein Kreislauf beginnt zu schwanken. Warum? Zuwenig Schlaf? Zu wenig gegessen? Ich muss etwas essen. Aber was? Nichts da. Einkaufen. An der Kasse stehen, den Atem des anderen im Genick spüren. Geh weg, lass mich. Abstand. Lasst mich alle in Ruhe, ich will doch nur kurz atmen.

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Wieder heimkommen. Telefon – schon wieder. Emails. Webseiten. Grafiken. Telefon. Streiten. Alles hinschmeißen wollen. Neue Ideen. Konsens. Ergebnis. Nein, eine neue Idee. Lösung. Die Lösung. Sich wieder freuen. Und ich muss wieder los. Verdammt – es ist bereits Nachmittag. Rein in die Stadt, rein in das graue Meer an Beton-Blöcken. Wir sind alle Termiten. Zu Fuss in die Stadt um Geld zu sparen. Sonne. Blauer Himmel. Ich atme ein, ich atme. Ich lebe. Zu spät, keine Zeit dafür. Ich muss mich beeilen. Über die Brücke. Schnell. Weiter, nicht zu spät kommen. Gehen und Asphalt. GEHEN. Nein, nicht laufen, das streßt nur. Langsam, ruhig bleiben. Uff, Menschen. Die Mariahilferstraße. Noch mehr Menschen. Niemanden anschauen, weiter. Ich hasse diese Straße mittlerweile. Termin. Gespräche. Reden. Aus, nichts. Leer sein und nichts fühlen. Wieder gehen. Weiter zum Naschmarkt. Cafe. Das Cafe. Auch so ein Stammplatz, man kommt im Leben nicht weiter. Gut, das innere Ich umschalten. Ein kleines Leben, das hat etwas netteres verdient als meinen Gesichtsausdruck gerade. Lächeln. In das lachende Gesicht eines Kindes blicken. Meine Schwester. MEINE kleine Schwester. Stimmt, ich habe eine kleine Schwester! Nach 30 Jahren. Verdammt, wo ist das Leben? Finger in Finger gehakt mit der Kleinen spazieren gehen. Kurzer Moment des Innenhaltens. Andere Sichtweisen, der andere Film, die andere Perspektive des Lebens. Die Stoffmaus, der Stoffelch, rückwärts gehen, das Auto. Das ROTE Auto. Kleine Augen. Kinderlachen. Weiter, ich muss weiter. Wieder zurück. Alleine auf dem Heimweg. Es ist kalt. Ich bin immer zu kalt angezogen. Die dünnen Jacken seit 30 Jahren. Haube, Schal? Nein, danke – sicher nicht. Lieber an Grippe sterben. Seufz, blöd wie immer. Ich friere. Gefühlte Stunden später heimkommen, keine drei Sekunden später vorm Computer. Die Kiste. Emails, Webseiten. Skypen. Mikegotchi – der alte Freund, immerhin etwas Auflockerung. Badewanne einlassen, Waschmaschine starten. In der Badewanne liegen. Der Kopf rattert, er hört nicht auf. Danach feststellen, dass alle Handtücher in der Waschmaschine sind. Nackt da stehen, zittern. Es ist kalt. Nicht bewegen. Nass. Alles nass. Langsam trocknen, nur nicht bewegen. Die Katze wirft ein Glas um… nicht aufregen, Du bist müde. Du bist zu alt dafür. Computer. TV. Homepshopkanal läuft. Depression. Blogs lesen. Oh. Verdammt – es ist Mitternacht vorbei. Blog schreiben, schnell. Hier und jetzt sein… aja, atmen nicht vergessen. Einatmen. Ich sollte Leben. Endlich leben. Aber der Tag ist schon vorbei. Wo war dieser bewusste Moment nochmal? Ich habe nicht aufgepasst. Shit.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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