Leben, Freude und unbestimmte Definition

Mir ist heute wiedermal kein spannender oder reißerischer Titel eingefallen, mit dem ich jede Menge Leser hierher verführen könnte und die sich dann in meinen Worten lustvoll wälzen und sich wie kleine Kinder darüber freuen – und mir die Kommentare nur so nachwerfen.

Dazu bin ich zu wenig provokant zu viel zu brav und nett hier. Da müsste ich schon irgendwelche bösen und sinnvollen Sachen schreiben, über andere Blogger herziehen oder mich diversen Mann-Frau-Klischees hingeben. Nein, das funktioniert nicht, obwohl diese dunkle Seite da auch in mir drinnen steckt und oft raus möchte. Na, wie auch immer drehen wir uns noch am selben Fleck und hängen in der Einleitung fest, deswegen weiter im Text. Ich habe mit einem etwas entfernten Gotchi unlängst darüber gesprochen, was man bräuchte, um im Leben einigermaßen durchzukommen. Und wir sind beide auf 1200 Euro gekommen. Das wäre sozusagen der Minimal-Betrag, mit dem man zwar nicht auf großem Fuss leben könnte, aber auch nicht so wenig, dass man ständig Streß hat.

Nun gut… also 1200 Euro. Der Traum eines jeden wäre sicherlich, dass man einfach an der Türe einen Brief findet, in dem steht, dass man nun die nächsten 10 Jahre monatlich diesen Betrag auf das Konto überwiesen bekommt. Dafür muss man nichts anderes machen, als zum Beispiel jeden Tag einen kleinen Blogeintrag über sein Leben zu schreiben. Nun…. jaaaaa, ich bitte… mir schicken, DANKE!

Und wie es der Zufall so will, hat genau das der Blogger André gestern in seinen Blog geschrieben, vortrefflich ausgeführt und mit genau den selben Kopfideen, die ich jetzt hier festhalten wollte. Da er die Worte aber bereits passend und herrlich gut ausformuliert hat, empfehle ich jedem die Lektüre seines Beitrages. Zwar sind es bei ihm 8333 Euro – ich wäre eben auch mit dem kleineren Betrag zufrieden… Bei den Anmerkungen zu Hemingway und FAZ musste ich übrigens wirklich lachen… wie wahr, wie wahr. Gut, dass es nicht nur mir mit diesen Gedankengängen so geht!

Womit wir aber auch beim Thema Job sind. Ich denke, es gehört so wie einige andere Bereiche zu den schwierigsten und komplexesten Dingen im Leben – denn ein oder die Jobs begleiten einen ein Leben lang, sie stellen nicht nur einen Form von Lebensraum dar, in denen man den größten Teil seiner Freizeit verbringt, sondern sie formen auch maßgeblich den Charakter, die Lebenseinstellung, das soziale Umfeld, den Status und vieles mehr… “der Job” ist einer der Hauptkomponenten im Leben und dient nicht nur als Stützträger, sondern – wenn auch unfreiwillig – als integraler Bestandteil des humanen Daseins.

Wer hier schon länger mitliest, der weiß, dass ich bei dem Thema sehr gespalten bin und zugleich aber auch immer meinen eigenen Weg gegangen bin. Leider und glücklicherweise gehöre ich aber auch zu den Menschen, die dabei fast immer den schwierigen und risikoreichen Weg wählen – und gewählt haben. Ich habe nicht nur unbewusst und bewusst meine Schulkarriere ruiniert und verstreichen lassen, sondern auch im späteren Leben sicherlich nicht die Schritte unternommen, die in der Allgemeinheit als “vernünftig” und “richtig” bezeichnet werden. Manchen bezeichnen mich deswegen auch als “Loser” oder “Verschwender”.

Es ist interessant, dass dies bei mir überhaupt so ist. Seltsamerweise war und bin ich eigentlich jemand, der für die Meinungen anderer (hoffentlich zumindest) immer offen ist und habe mich auch in vielen Dingen immer leiten lassen – und lasse mich fast immer von vernünftigen Argumenten überzeugen, lehne mich zudem (zu) selten gegen etwas auf – aber dennoch habe ich dann aus unerfindlichen Gründen doch so einen versteckten Rebellen in mir drinnen und bin – auch für mich selber überraschend – doch ein wenig so was wie ein Sturkopf und innerlicher Querulant. Ich kann ganz klar sagen, dass mir dieser Charakterzug im Leben schon viele Probleme bereitet hat und auch immer an den Rand der Klippen geführt hat – und dennoch fühle ich dabei eine innere Zufriedenheit. Ich glaube, es ist auch das Element, das mich in mir drinnen trotz diverser etwas “komplizierter” Begleitumstände in meinem Leben die meisten Zeit doch glücklich sein lässt… Trotzdem rate ich aber natürlichem jedem, beispielsweise die Schule fertig zu machen und sinnvolle Schritte für sein späteres Leben zu planen und auch zu gehen – und sich nicht zu viel Zeit damit zu lassen. Sonst ist man so wie ich 30 und bemerkt, dass man einiges nicht genützt hat im Leben.

Ich kann zudem auch nicht anderen genau beschreiben oder deklarieren, welche Elemente und Komponenten für mich überhaupt wichtig sind im Leben. Zumindest nicht in verständlichen Worten, obwohl sie in mir drinnen für mich klar, deutlich und gut lesbar sind.

Ich habe vor einiger Zeit sicherlich einen tollen und großartigen Job sein lassen, habe gekündigt und mich zurückgezogen, obwohl nichts gegen ihn sprach – im Gegenteil… ich konnte auf einer internationalen und nationalen Ebene arbeiten, mit Computern und an Webseiten, mit Menschen in verschiedenen Sprachen und Kulturen, in einem großen fast weltumspannenden Netzwerk, auch in der Pressearbeit, sich mit Menschen aus dem sozialen Umfeld, mit Agenturen und Journalisten kurzschließen, Veranstaltungen mit dutzenden und tausenden Teilnehmern mitorganisieren und miterleben – und vieles mehr. Und das Ganze noch dazu für eine gute, nachhaltige und soziale Sachen. So gesehen… ein toller und beeindruckender Beruf. Und dennoch hatte ich entschieden, dass ich ihn nicht mehr will. Dafür gibt es keine rationale Erklärung oder einen bestimmten Grund. Vernünftig? Nein. Auch das Team war und ist nett und man ist verbunden – aber es gibt (anscheinend) so Momente im Leben, wo sich das Herz, der Geist und der Bauch gegen die rationale Vernunft entscheiden. Wodurch das beeinflusst wurde oder wo es hier einen Auslöser dafür gibt, kann ich nicht beurteilen. Es gibt auch höchstwahrscheinlich keinen. Es ist einfach so. Wozu auch versuchen sich das Alles selber gegenüber recht zu fertigen.

Denn es gilt auch übergreifend – mehr als 10 Jahre lang habe ich mit Computern gearbeitet und habe mich sicherlich von einem völligen Anfänger, der ja damals beispielsweise nicht mal wusste, was Windows und sogar später einmal was Google sein sollte (ich suchte unter den Programmen nach dem Tool “Kugle”), zu einem – vorsichtig gesagt – “Experten” entwickelt, ich habe viel Wissen angesammelt und kann dieses Wissen heutzutage umsetzen, damit werken und arbeiten, Dinge formen und ermöglichen. Und ich habe all das nie schulisch erlernt – und auf das bin ich auch stolz. Ich hatte und habe es somit geschafft, mein privates Hobby, dem ich zumeist in langen Nächten fröhnte, zu einem Beruf zu machen und damit auf meinen eigenen Beinen an Wissen und Know-How zu stehen. Das schaffen sicherlich nicht alle und ich denke, das sollte auch etwas im Leben sein, auf das man ruhig stolz sein kann. Ich versuche es.

Aber heute? Trotz des großartigen Weges des Schicksals? Ich bin übersättigt. Ich mag Computer, das Netz und seine Möglichkeiten weiterhin, keine Frage. Ich bin und werde vermutlich auf ewig ein Freak bleiben. Und kein Bodybuilder-Surfer in Australien, hipper Breakdancer oder PR-Business-Mann an vorderster Front eines Wirtschaftsnetzwerkes. Ich bin ein Computer-Nerd, der aber glücklicherweise Tages- und Sonnenlicht liebt. Damit habe ich (selber) kein Problem und so heroisch sind meine Ziele ja auch nicht – denn das Glück liegt schließlich (zumindest bei mir) woanders. Aber dennoch muss ich sagen, sehe ich meine Zukunft immer weniger in der elektronischen Welt, ein Absurdum, wenn man daran denkt, dass sie immer weiter und weiter in der elektronischen Matrix verschwindet. Eine Welt ohne Computer ist heutzutage unvorstellbar. Und wer da nicht mitläuft, der hat tatsächlich ein Nachsehen – Wissensmäßig, die Verbindung zu anderen und so weiter – auch wenn es immer heißt, das stimmt so nicht ganz. Oja, das tut es nämlich sehr wohl, nur traut sich das keiner offen sagen. Und die Möglichkeiten sind ja auch großartig – man verteufelt oft den falschen Nenner in der Rechnung.

Ich habe vor vielen Jahren einmal für eine Umweltschutz-Organisation gearbeitet, im westlichen Teil von Österreich, umgeben von Bergen und Seen – abseits der heimischen Großstadt Wien. Dort war es meine undankbare Aufgabe, von einer Türe zu nächsten zu gehen, man kennt das… das sind die lästigen Türklingel-Putzer. Dabei bin aber ich eines Tages auf einer eher einsamen Alm am Talrand gelandet, mit einer Hütte aus Holz. Eigentlich ein sinnloses Unterfangen, aber ich wollte dennoch nachschauen, ob da jemand wohnt – und es war jemand da. In der kleinen Hütte, zwischen Unmengen an geschnitzten Figuren und Kreuzen und dergleichen… da saß ein alter Mann, der dem sagenumwobenen Wurzelsepp mehr als nur Konkurrenz machen würde. Er war sogar das Sinnbild dessen. Weißer Rauschebart, kleine, leuchtende und irre Augen unter einem großen Filzhut und mit einer Pfeife im Mund, in den kräftigen Bärenhänden Schnitzwerkzeug, vor ihm ein Holzstück eingespannt in einen Arbeitstisch, rund um ihm unglaubliche Mengen an Hobeln. Es war ein fast ehrfürchtiger Schritt in diese Hütte und ich war mir sicher, nicht mehr lebend da raus zu kommen – der irre Wurzelsepp lässt einem ja sicher nicht mehr laufen. Vor allem wenn man mitten auf einer naturbelassenen Alm mit einer Plastikjacke von einer Umweltschutzorganisation anklopft und nach Geld fragt.

Ich hatte noch nie – und das sage ich als Mann – eine so sanfte und freundliche Art erlebt, ein echtes und ernsthaftes Interesse an meinen Worten und die Aufrichtigkeit seiner Antworten. Als er dann auch noch für die Spenden-Details seine Bankomart-Karten, Unterlagen und dergleichen raus zog, wurde mir einmal wieder bewusst, wie sehr man sich von Oberflächlichkeiten verblenden lässt. Der alte Wurzelsepp war hochgradig gebildet, high-tech-technisch mehr als versiert, jedes Wort war wie aus einem modernen Lehrbuch – nichts von Verschrobenheit, Einsamkeit und Einsiedler-Mentalität. Und dennoch saß er Tag ein und Tag aus in dieser Hütte auf der Alm und schnitzte, wie er mir dann erzählte. Dabei hatte er sogar in der Werbung oder so was ähnliches gearbeitet. Ich fragte ihn, wie es ihm damit ginge und seine Antwort war, dass er nicht glücklicher sein könnte. Das ist seine Passion. Das ist das, was ihn wirklich glücklich macht. Und so sitzt er da oben auf seiner Alm und schnitzt kleine Figuren für den kleinen Laden. Und diese Begegnung hat sich bei mir bis heute manifestiert. Sie hat mich vielleicht auch inspiriert.

Mache und tue das, was sich für Dich richtig anfühlt. Egal wie viel Geld, Ansehen und Status oder auch Abenteuer in der Waageschale liegt… denn zählen und wiegen tut nur das, dass das innere Herz in einem aufleuchten lässt. Man hat nur dieses eine, recht kurze und sehr zerbrechliche Leben und jede Minute davon ist unglaublich kostbar – wenn man wirklich Leben will. Ich selber habe den Fehler gemacht, dass ich mich viel zu lange und von Anfang an von der Vernunft leiten lassen wollte, von dem was andere sagten oder vorschlugen – auch oft als Rechtfertigung und um Besonnenheit zu mimen – und bin aber sicherlich auch deswegen im Leben erst recht oft gescheitert. Ich habe mein Ich nach hinten gestellt, es hinter eine brave Fassade gestellt und damit eigentlich nur eingesperrt. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich heute bereue. Aber zugleich ermöglicht mir vermutlich auch dieses Leben erst jetzt diese Erkenntnis.

Im Mai beginne ich einen neuen Job – abseits von dem Computer und inmitten der (na gut “städtischen”) Natur. Es ist ein anderer Job und ich freue mich darüber. Es geht mir nicht um Ansprüche oder ums Geld – im Gegenteil, das lässt sich mit dem Job erst recht nicht verdienen… aber es geht um Veränderungen und darum, seinem Ich zu folgen und wenn etwas nicht passt, etwas Neues auszuprobieren. Auch wenn es nicht automatisch zu einem Erfolg führt. Entgegen der traditionellen Vernunft handeln… die Natur lebt auch nach ihren Regeln.

Ich bin sehr altmodisch, auch romantisch und dergleichen – und träume noch immer den Traum ein wenig, dass alles schon so kommen wird, wie es kommen soll – ich glaube einfach daran. Momente wie die mit dem Wurzelsepp oder auch wenn ich in alten Büchern eines Konrad Lorenz und seinen Graugänsen lese, erinnern mich daran, dass es nicht schadet auch mal verrückt oder wagemutig zu sein. Den Weg abseits zu gehen. Man kann natürlich viel verlieren im Leben, aber das Schlimmste ist der Verlust seiner selbst. Da bringt auch das schönste Dach über den Kopf nichts.

Der Internet-Archivar und Blogger Jason hat heute in seinem Blog gepostet, dass er ebenfalls einen neuen Job beginnt – und der passt (wenn man die umfassende Geschichte seiner Tätigkeiten kennt) wie die Faust auf’s Auge. Da hat sich ein kleiner Traum und ein Hobby gefestigt und ebenfalls verwirklicht. Und auch er hatte seinen vorherigen Job auf Risiko bleiben lassen.

Auch ich träume und bin sicher, dass sich meiner irgendwie festigen wird im realen Leben – nicht heute und nicht morgen… im Ideafall aber in diesem Leben. Wenn nicht, dann muss ich das auch akzeptieren. Aber schon alleine das “arbeiten daran” macht mich glücklich. Nicht reich, aber glücklich. Wer kann das aufwiegen?

Außer natürlich mit 1200 Euro monatlich für einen Blogeintrag am Tag. Sponsoren bitte melden, danke!

EDIT: ich habe gerade erfahren, dass eine meiner Großmütter gestorben ist. Nach einem langen und schwerem Kampf. Abgesehen von einer seltsamen Leere, die ich irgendwie so gar nicht deuten kann und die gerade ungreifbar ist und ich jetzt auch nicht weiß, was ich dazu schreiben kann, soll oder will – wird mir aber umso mehr und noch mehr bewusst, wie wichtig es ist, jede Sekunde Leben einzusaugen. Und nicht warten. Auf was warten. Auf den Tod? Warum ist einfach “leben” so schwierig?


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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