Marzipanröllchen-Regel

Lange Haare. Schlank, ein schönes Gesicht. Jung. Sehr jung. Aber Augen, die ein bewusstes Ich zeigen. Ein Blick von ihr in die Sonne, sie schließt die Augen, genießt, öffnet die Augen… schaut wissend wieder in die Welt. Wind weht und spielt mit den Haaren. Das Outfit verkörpert etwas rebellisches und unabhängiges.

Ich mag solche Mädchen und man erkennt sie auch – die etwas im Kopf haben, die mehr wissen als die anderen. Lebensweisheit. Und sie war so eine. Und da stand sie drüben. Ginge es nach mir, dann würde ich sie in Marzipan einrollen. So ganz zart, das Röllchen dann mit feinen Nußstreusel berieseln lassen, darüber dann eine feine Schokoladen-Soße, die in dünnen Linien über dieses Marzipan-Röllchen aufgetragen wird. Und sie dann aufessen. Mhhhh!

Aber sie muss sich nochmal umdrehen, ich mag sie nochmal sehen. Der Bus bleibt stehen. Natürlich genau vor ihr. Kann ja auch nicht anders sein. Irgendwie ist das immer so… immer dann, wenn irgendwo auf der gegenüberliegenden Seite eine hübsche, in Gedanken bereits zukünftige Gefährtin des Lebens steht, bleibt der Bus, die Straßenbahn, ein Auto, die U-Bahn oder ein Mitmensch der Umwelt genau vor dem Objekt der Begierde stehen. Klar, muss so sein und dürfte eines der Mulischen Naturgesetze sein.

Muli-Regel 1: Immer dann, wenn ein hübsches Mädchen wo steht und man möchte einen näheren Blick erhaschen, stellt sich ein Hindernis in den Weg, das den Blick vollständig verdeckt – oder sie dreht sich einfach nicht um. Prinzip-Sache. Ist IMMER so. IMMER. Ja, IMMER! Wirklich IMMER.

Muli-Regel 2: Immer dann, wenn man jemanden schnell am Computer etwas schicken oder zeigen möchte, ist die Verbindung unglaublich langsam. Und zwar langsamer, als sie je war und ist und überhaupt sein kann. Oder sie fällt gleich komplett aus. Immer. Und immer wenn man eine Webseite sucht, die man jemanden eben mal senden wollte, ist sie in dem Moment völlig unauffindbar – lässt sich aber den Rest des Lebens täglich auf Anhieb finden, egal ob man das überhaupt will oder nicht.

Muli-Regel 3: Immer dann, wenn Wochenende ist, kauft man am Samstag Vormittag ausreichend Essen ein, schleppt unzählige Mengen und Tonnen an Nahrung in seine Höhle und ist um eine gewaltige Summe Geld ärmer. Spätestens am Samstag Abend treten die ersten Kreislaufprobleme aufgrund von Nahrungsmangel auf und man stellt fest, dass man nichts zum Essen hat und verbringt den Sonntag mit zittrigen Finger, hungrig und völlig geschwächt sowie apathisch. Es ist alles voll, aber nichts da.

Muli-Regel 4: Immer wenn schönes Wetter ist und man plant noch schnell hinaus zu gehen, verplempert man die Zeit zum fertig machen unnützt noch schnell mit irgendeinem Firlefanz, der ja eh nur ein paar Minuten dauert. Sobald man dann zwei Stunden später hinaus geht, ist die Sonne weg.

Muli-Regel 5: Immer dann wenn man einkaufen geht, steht in der Schlange bei der Kassa vor einem ein Typ, der Schnupfen und Grippe hat und alles daran setzt, einen anzustecken. Außerdem erwischt man prinzipiell immer die Kassa, wo der neue Praktikant sitzt und Schwierigkeiten hat, zwischen Ein- und Zwei-Euro-Münzen zu unterschieden. Kommt man endlich dran, dann ist die Papierrolle bei der Kassa aus und er hat sich vertippt und braucht den Schlüssel. Den Schlüssel, den niemand die nächsten zwanzig Minuten griffbereit hat.

Muli-Regel 6: Immer wenn man eine Käse-, Wurst- oder ähnliche Semmel bestellt, ist bei jedem zweiten Mal trotz der zweimaligen Aufforderung anschließend doch kein Gurkerl drinnen. Tryphina-Gotchi hat das unlängst auch festgestellt. Dafür hat man eine teure und vertrocknete Kaisersemmel verrechnet bekommen.

Muli-Regel 7: Immer, wenn man ein sehr wichtiges Mail mit Anhang verschickt, kontrolliert man natürlich dreimal vor dem Absenden, ob der Anhang eh dabei ist. Und stellt dann wenige Minuten später nach dem Absenden fest… man hat den Anhang vergessen.

Muli-Regel 8: Immer dann, wenn man im Leben glaubt “Aber jetzt ist mal für ein paar Tage Ruhe”, kommt irgendetwas daher, das nicht nur ungut ist, sondern auch tagelang streßt. Prinzip-Sache.

Muli-Regel 9: Immer dann, wenn man sich gerade versehentlich den kleinen Zeh angehaut hat, fetzt man mit genau dem gleichen Zeh gegen die nächste Türkante… und zwar genau an der, an der man sonst täglich zweihundertmal vorbeigeht – ohne Probleme.

Muli-Regel 10: Immer dann, wenn man bewusst das Risiko eingeht und sich ein Getränk und Essen am Abend mit ins Bett nimmt – und extra aufpasst, dass ja nichts passiert… schüttet man entweder den kompletten Saft über Decke, Kopfpolster und Matraze gleichzeitig aus oder macht sich irgendwo Flecken rein, die man nicht mehr wegbekommt. Und die man erst Tage später entdeckt.

Die Regeln könnt ihr nach belieben endlos selber weiterführen… Man hat es nicht leicht. Wirklich. Kein Marzipanröllchen und die Verbindung lahmt gerade auch. Und das Mail darf ich nochmal schicken. Dafür darf ich die vertrocknete Semmel knabbern. Danke.

Das Netbook erinnert mich gerade: “Dein Akku ist bald leer. Sie ist noch zu 14% gefüllt”. Oh, das elektronische, arme Marzipanröllchen.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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