Montags-Flow

Es ist gerade Punkt sechs und ich sitze bereits etwas zerdrückt und verschlafen vor dem Gerät und bereit mich auf den heutigen Tag vor. So gesehen also ein normaler Montag. Ich war jetzt sehr knapp dran, eine Abhandlung über den grauen Montag zu schreiben, aber irgendwie klappt das bei dem Wetter nicht. Ich mag diesen Übergang – wenn es richtig warm wird, aber zugleich noch eine Wolkendecke den Himmel bedeckt und alles in ein Licht taucht, das ich aus völlig unerfindlichen Gründen mit den 80ern verknüpfe. Warum und wieso erschließt sich meiner Kenntnis, vielleicht weil einige der Lieblingsfolgen und Sendungen der Zeit bei so einem Wetter spielten? Nein, das wäre nicht nur verrückt, sondern auch völlig sic! Aber so oder so – der heutige Morgen steht in dieser Ära – achdem ich gestern mit Mikegotchi durch die Straßen gezogen bin, Graffiti-Art da und dort entdeckten, sind wir ja beim Sinnieren über das Leben ja auch irgendwann über eine ganz besondere Sendung gestolpert… die Curiosity Show.

Kann sich irgendjemand noch daran erinnern? An den coolen Rob und Deane? An die greifbaren Experimente? Gelebte Physik, die unsere Teller-großen Kinderaugen vor der glänzenden Mattscheibe der alten Röhrenbildschirme nicht nur mit Röngtenstrahlen aufleuchten ließ? Die Art von Sendung, wo mein ganzes Leben davon abhing, ja bloß rechtzeitig zur Sendezeit zuhause zu sein… Wo ich beim Intro nicht nur auswendig mitsummte, sondern jedes visuelles Fuzerl in mich einsaugte und dann – man halte sich fest – wirklich das Gefühl hatte, etwas gelernt zu haben! Man stelle sich das vor… da glotzt man als kleiner herumrotzender und hoffnungsloser Gschrapp eine unglaublich schlecht und völlig versetzt synchronisierte TV-Serie mit zwei Typen, die damals schon stylish jenseits von Gut und Böse waren (totaler Kult heute, oder? Love it.), zeigten physikalische Experimente vor laufender Kamera, wo vermutlich heute jedes Kind mit offenem Mund zurück kippen und in einen Tiefschlaf verfallen würde – ich damals aber in eine neue Welt eintauchte, fast unbeweglich und mit angehaltener Luft und knapp davor war, die Erleuchtung und Erkenntnis über unser Universum um 15:30 Uhr zu erhalten… TV-Strahlen sei Dank.

Heute würd mich ein 10-jähriges Kind vermutlich anstarren und fragen, ob ich einen Knall habe und was das für eine “komische” Kinderserie ist – aber ich habe einen Trumpf im Ärmel! Ich wette nämlich, dass unser heutiger Nachwuchs bei mehr als der Hälfte der Experimente nicht mehr die richtige Antwort sagen könnte… wie denn auch? Unsere Allgemeinbildung ist am Boden und der Klassiker-Schmäh mit “Die Milch kommt vom Supermarkt” und “Ich habe noch nie eine Kuh gesehen” ist leider völlig real. Absolut sogar. Es gab ja damals auch noch den Russisch-Sprachunterricht und dergleichen im TV. Meine Güte – nicht nur erst im Nachhinein lieb(t)e ich diese Sendungen… es war auch damals schon irgendwie stylish.

Aber ich bin trotz diesem herrlichen Erinnerungsbogen abgedriftet und wollte eigentlich ein völlig anderes Video posten – eines, das den echten Flow und Style der damaligen Zeit für mich verkörpert. Es zeigt das Bild, das in mir aufkommt, wenn ich an meine TV-SNES-DOS-PC-erste-MTV-und-erste-VIVA-Sendung zurückdenke, an den Übergang von Yps-Heften und den Bussibärli-Heften zu Bravo und all diesen Soft-Porno-Zeitschriften, die man ja offiziell als frühes Pickelgesicht nicht kannte, aber natürlich heimlich durchstöberte und hoffte, dass seine Freundin, dann bitte wie die ausschaut wie auf Seite 24 (?). An die Zeit, die erst dann greifbar und fühlbar wird, wenn sie schon wieder vorbei ist.

Ich meine ganz ehrlich, WO gibt es noch Musik-Videos dieser Klasse? Und ich finde, der Style ist nicht mal so out, wie man auf den ersten Blick glauben könnte. Im Gegenteil – heute sieht man eh nur noch Plastik-Botox-Strip-Girls und Lebendige-Ken-Puppen-Scharfkant-Gesichter mit dem 1-Tages-Soft-Stoppelbart, die mit Softhiphop-Tönen ihre Plastik-Goldketten in unsere Augen pimpen. Kein Kunststück – aber so “natürlich” wie hier oben – das schafft keiner. Ahahaha. Immer wenn ich mir das anschaue, geht’s mir gleich richtig gut. Da könnte man glatt seinen eingemotteten Pressekonferenz-Anzug rausholen, die zerdrückten Ledersohlen-Schuhe aus der Tanzschule von anno dazumal und dann elegant, fingerschnippend, mit einem Augenzwinkern und mit einer Flow-Drehbwegung durch die Regale des örtlichen Billa’s sliden. Yeah, step, step, klatsch. Uhhuuuhhuuuuu, klatsch, dreh…. klatsch. Wohooo ist mein Marsriegeeel…? Schnipp.

Irgendwann, irgendwie würde ich gerne mal eine Sommerparty machen. Mit all meinen Freunden auf einer Wiese. Wo im Hintergrund an einer Wall mit einem Beamer die Lautsprecher und das Video mit the Fresh Prince & Jazzy Jeff und “Booooom, shake, shaaake the room” dröhnt, dann in der Nachmittagssonne “Summertime” und danach The Whispers und alle shaken und grooven mit. Am Abend und in der Nacht gibt es dann Miami Vice-Folgen mit Sofa-Chill um dann am nächsten Morgen mit zwei “Supertypen in Miami” in den Tag zu starten.

Mhhhhhh… tja. Nur leider ist heute Montag. Man ist 30, etwas müde. Man klebt in Wien. Die Straßen sind im Gegensatz zu früher noch schmutziger geworden, noch grauer und die Leute noch depressiver. Alles schaut gleich aus und man bekommt schon vor der ewig gleichen Scheibe in den Lautsprechern im Supermarkt einen Ausschlag. Und sobald man das Postkasterl aufmacht und man lawinenartig von Rechnungen und Erlagscheinen verschüttet wird – um dann von der alten Nachbarin wiederbelebt zu werden und sich dann selber entkräftet zum nächsten Termin in die Stadt schleift. Das Jahr 2011. The future….. Raumschiff Enterprise hatte da mehr Flow.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


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