Ich bin über unglaubliche viele Ecken auf den Eintrag von ZweiPunktNull gestoßen und dabei zufällig auf das Diskussions-Thema von vermissten Kindern… und die leider oft fragwürdigen Aufrufe dazu im sozialen Netz. Auf etlichen Seiten gibt es dazu interessante Diskussionen – ich gebe da auch mal meine Meinung ab, denn viele sind erstaunlich sorglos bei solchen Themen. Immer wieder kommt es natürlich vor, dass ein Kind oder ein Jugendlicher verschwindet, nicht heimkommt oder dergleichen. Passiert sowohl in Österreich als auch in Deutschland und anderen Ländern täglich und so gesehen ständig. Mal sind es Schulprobleme, das familiäre Umfeld, Mißverständnisse, die Abenteuerlust, da mal etwas pubertäre Rebellion und ein anderes Mal wurde einfach die Zeit vergessen. In seltenen und tragischen Fällen passiert aber wirklich etwas… ein Unfall, eine Vergewaltigung, eine Entführung oder sogar Mord. Betonung liegt aber hier dennoch auf “eher selten” – wenn man sich den gesamten Schnitt statistisch an schaut.
Was aber passiert, wenn jemand mal verschwindet, kann man oft genug in Foren oder auf sozialen Plattformen wie Facebook oder Twitter regelmäßig sehen – es werden Aufrufe und Hilferufe von zumeist Bekannten oder Freunden gepostet – gut gemeint – und diese verteilen sich dann wie ein Lauffeuer plötzlich in der Online-Welt. Der eine will helfen, der andere will dabei sein, jeder will irgendwie etwas beitragen können oder sich dabei leider auch profilieren und eifert mit.
Soweit so gut, könnte man sagen – ist doch eine tolle Sache. Und das ist es auch. Man kann schnell eine große Masse an Menschen erreichen, sie aufrütteln, wachsam machen und sicherlich die eine oder andere Person schnell dadurch finden oder gar eine Tragödie verhindern.
Aber es gibt ein “Aber”. Nämlich die breite Masse. Die tragische Anhäufung an Menschen, die solche Meldungen einfach gedankenlos verbreiten. Die auf ihrer Wall in Facebook so ein Posting entdecken und keine drei Sekunden später das Ganze schon wieder erneut verteilen, im Hinterkopf das Gefühl einer guten Tat. Die diese Postings ohne nachzudenken oder einem nachprüfen munter verteilen und die Welt retten wollen damit. Ohne aber an die eventuellen Folgen zu denken.
Man sollte unbedingt IMMER vorher prüfen, ob es sich womöglich um einen Scherz oder gar veraltete Aufrufe handelt, die sich im ewigen Kreis in den Netzwerken drehen und dadurch nicht mehr zum Stillstand kommen. Nicht nur, um die Sensibilisierung der Menschen am Leben zu erhalten (die schließlich abstumpft, wenn alle paar Tage Fake- oder alte Aufrufe auf ewig herumschwirren), sondern auch für die Betroffenen selber.
Man weiß schließlich ohne direkten Bezug in dem Moment nicht, warum eine Person “verschwunden” ist und wenn es sich um jemand handelt, der immer wieder mal ausreißt, aber auch sonst in der Regel recht schnell wieder heimkommt, dann ist diesem Menschen erst recht nicht geholfen, wenn sein Foto tausendfach im Netz verbreitet wird oder gar auch in üblen Diskussionen breit getreten wird.
Fotos und Aufrufe, die man dann als Betroffener auch nicht mehr so ohne weiteres abstellen kann. Dieser Mensch hat meist sowieso oft schon genug private Probleme… kommen dann noch hunderte oder gar tausende wohlwollende User dazu, die zumeist ja glauben, am besten zu wissen, was gut ist – und jeder verteilt munter das Foto im Netz – dann wird hier eine tragische Grenze überschritten.
Es werden nämlich oft Aufrufe gepostet, die auch dann noch im Netz zu finden sind, wenn der ganze Spuk schon längst vorbei ist… und mit noch mehr Pech auch etliche Jahre später in diversen Foren und Co. noch immer vor sich verstauben. Und das kann für das “vermisste Kind” auf Dauer durchaus unangenehm werden, wenn sein kompletter Name im Netz fast unauslöschlich mit Vermissten-Anzeigen und Links verbunden ist und sein Foto sich auf Seiten finden, dessen Löschung oftmals unmöglich ist – so etwas wird dann für den Betroffenden sehr unlustig und kann enorm belastend sein – zusätzlich zu eventuellen privaten Problemen.
Zudem gibt es viele “Vermissten-Seiten”, die kräftig solche Aufrufe sammeln und posten, aber bei der Aktualisierung der alten Beiträge recht “großzügig” (also sprich äußerst fahrlässig lahm) sind… somit bleiben viele dann auf Monate oder länger vermisst – egal ob sie mittlerweile schon längst wieder munter zuhause sind oder nicht. Und das – finde ich – ist fatal.
Diese Verantwortung des Umganges mit solchen Aufrufen haben und sollten wir als User und Erwachsene in der Online-Welt bewusst tragen – eine kurze Recherche vorher, ein paar Seiten als Informationsquellen abklappern, im Zweifelsfall sich bei der Polizei oder Familie direkt erkundigen und auch deren Einverständnis einholen – das kann wirklich jeder. Denn zudem – ein privates Foto einer Person und erst recht eines Kindes verteilt man nicht munter und einfach so im weltweiten Netz. Das sollte jedem Erwachsenen eigentlich bewusst sein – es gibt nämlich ein Recht auf Privatsphäre und sogar auf das eigene Bildnis… auch als Kind. Und wer das ignoriert und “Ich muss ja helfen!” blindlings solche Aufrufe verteilt ohne vorheriger Prüfung, handelt grob fahrlässig in meinen Augen. Denn böse Scherze mit solchen Dingen kommen leider öfter vor als man glaubt – und deren Entwicklung im “sozialen”, gutgemeinten Netz kann uferlose Ausmaße annehmen – für die Betroffenen sicherlich kein Spass und sie lassen sich nicht mehr kontrollieren heutzutage.
Anscheinend fehlt hier aber auch das technische Verständnis bei vielen Usern, nämlich dass Fotos oder Postings in Suchmaschinen bzw. auf Webseiten landen, die dann womöglich gar nichts mehr mit dem Thema zu tun haben, im schlimmsten Fall sogar – was auch schon vorgekommen ist laut einem Blog – als Profilbildchen für die Bewerbung einer pornographischen Seite mißbraucht wurde oder sie landen in Foren und ähnlichen, die als reine Link-Pool-Maschinen Content abgraben, sammeln und mit eingebundener Werbung Geld verdienen. Man versuche mal, von so einer Seite ein Foto zu löschen… viel Spass!
Also – ganz simpel – bevor man einfach auf Facebook, Twitter und in seinen Blogs und Co. munter Aufrufe verteilt und so weiter – immer mal ein wenig selber recherchieren. Und nicht blindlings darauf vertrauen, weil das ja eh auch der beste Freund gepostet hat. (Ich erinnere süffisant beispielsweise an den “I love you” Virus, dessen Wirkung ja auf diesem Prinzip aufgebaut war – und er hat es äußerst erfolgreich um die ganze Welt geschafft). Es geht hier schließlich um echte Menschen, um Privatspähre und vernünftige, kontrollierte Hilfe. Wenn jemand akut vermisst wird, womöglich eine bedrohliche Situation herrschen könnte und das auch von etlichen Seiten bestätigt wird, dann ermöglichen die sozialen Netze tatsächlich eine großartige, schnelle und breite Möglichkeit einer Hilfe und Unterstützung. Aber genauso können solche Aktionen bei zu wenig Kontrolle und Vernunft das Gegenteil bringen…
Wer also wirklich Verantwortung in sich trägt, geht erst mal auf Nummer sicher – zum Wohl aller Beteiligten. Das weltweite Netz ist nämlich kein unschuldiger Kinderspielplatz mehr – die Zeiten sind vorbei. Und Eigenverantwortung als User und gegenüber anderen in dieser Online-Welt ist wichtiger denn je. Das kann man nicht auf andere abwälzen. Jeder Klick und jede Aktion liegt in der eigenen Hand und Entscheidung und bewirkt etwas. So wie es beim Autofahren, mit dem Motorrad, beim Klettern oder schwimmen ist – sollte es auch im WorldWideWeb sein…



