Fortgehen

Mh. Wiedermal scheint es soweit zu sein und jemand aus dem Freundeskreis verlässt in einiger Zukunft vermutlich die Stadt. Irgendwie scheine ich ein Händchen dafür zu haben und prinzipiell immer Menschen kennen zu lernen, die einige Zeit darauf dann in neue Gefilde abwandern.

Warum dem so ist weiß ich nicht… aber es ist fast ein Standard geworden. Es gibt kaum noch Freunde in meinem Umkreis, die nicht fortgegegangen sind oder demnächst werden. Das wirft natürlich immer wieder die Frage auch nach dem “Was ist mit mir?” auf. Eine gute Frage, die unglaublich komplex, aber zugleich auch völlig banal ist. Fakt ist auf jeden Fall, dass man für so einen Schritt einiges an Mut aufbringen muss. Und auch Verstand und Vernunft mitbringen sollte. Wie wir wissen, habe ich da nicht all zu viel davon. Ich sage nur Insiderschmäh 10 MB Kopfspeicher und 256 Lebens-RAM.

Abschreckende Beispiele sind ja diverse deutsche TV-Reports, wo Menschen bei der Abwanderung begleitet werden und bei ihren neuen Schritten im fremden, fernen Land begleitet werden… aber oft entweder nur ein einziges Mal in ihrem Leben mal eben ganz kurz dort waren oder nicht mal die Sprache ansatzweise beherrschen, keine Ahnung der Gepflogenheiten oder der Behördenwege habe und nicht mal Kenntnisse über die Wohn- oder Lebenssituation. Solche Menschen sind nicht wagemutig, sondern – sorry – einfach nur dumm. Wer aber sich ein wenig damit auseinandersetzt und dann einen A- aber auch alternativen B-Plan hat – und auch wenn er zu meinem Freundeskreis gehört und ich diesen Menschen dann dadurch “verliere” – dann hat derjenige definitiv meinen Segen. Und das nicht nur deswegen, weil ich mich ein wenig darin selber entdecke… sondern auch, weil ich der Meinung bin, dass wir heute in einer Zeit leben, die es uns ermöglicht.

Man muss sich vorstellen – als es noch keine Autos gab, keine Flugzeuge, keine Züge und keine Motorräder, da war jede Reise ein echtes Abenteuer – in positiver als auch negativer Weise. Teuer und unleistbar für die breite Masse aufwendig und vor allem langwierig. Und zudem – es gab auch kein Internet, Radio oder Fernsehen. Alles musste über Boten, die wochen-, monate- oder sogar jahrelang von A nach B reisten, übertragen werden, durch Mundpropaganda und geschichtliche Erzählungen. Und da ist es kein Wunder, dass man in der breiten Masse relativ wenig Ahnung vom Nachbarland oder anderen Kontinenten hatte. Da konnte man nicht mal eben rüber fliegen und nachschauen. Da konnte man sich keinem Kulturaustausch widmen und man konnte sich auch kein eigenes, unabhängiges Bild machen. Man war auf eine sehr beschränkte Sichtweise angewiesen… und wenn einem der Erzähler von Teufeln, Hexen, Menschenfresser, Menschenopfer und sagenumwobenen Gestalten und Pflanzen erzählte, musste man es zwangsläufig halt glauben…

Heute jedoch haben wir die unglaubliche Möglichkeit, dass fast jeder von uns in wenigen Stunden an beinahe jedem Ort der Welt sein kann (könnte) bzw. zumindest Kontinent. Durch das Internet und Co. sind es auch keine fremden und unbekannten Länder mehr, sondern man kann mit ihnen sogar bereits im Vorfeld online in Kontakt treten. Die herkömmlichen, physikalischen Grenzen sind aufgehoben. Aber dennoch steht diese virtuelle, zumeist geschönte und verfälschte Ansicht dem “analogen” Erleben klar hinten nach. Ich – als auch wir – gehören zu der (trotz allem) glücklichen Generation, die relativ unbekümmert neue Gebiete erforschen kann. Man wird nicht unbedingt gleich erlegt, gejagt, gefoltert oder geopfert, nur weil man zu weit in ein fremdes Stammesgebiet kommt.

Und es hat sich gezeigt, dass fast immer, wenn man seine eigenen und umgebenden Grenzen überschritten hat, das Bild “des anderen und der anderen” sich wandelt. Oder zumindest verändert. Man beginnt viel mehr nicht nur die Kulturen der anderen Länder zu verstehen und besser interpretieren zu können, sondern auch das Gesamt-Bild und Weltverständnis erneuert sich von Grund auf. Natürlich trägt eine Urlaubsreise ebenfalls da einiges dazu bei, aber es ist dennoch ein Unterschied, ob man in einer All-inklusive-Anlage lebt oder selber Wohnung sucht, findet, darin lebt und das Ganze auch abseits von Tourismus und Co. – und sogar Arbeiten geht. Die Erfahrungen sind da völlig unterschiedlich.

Und in meiner kleinen Welt habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die diese Schritte gewagt haben, jetzt nicht unbedingt bessere Menschen sind oder dadurch wurden, aber ihre Welt und Ansichten sind offener und vielfältiger geworden – bzw. verstehen sie einfach mehr von den großen Puzzle-Teilen des Lebens. Wer sein ganzes Leben nur die gleiche Suppe löffelt und nicht den immer selben Ort und Fleck je verlässt, der wird schnell voreingenommen, lebt von einfachen Standardansichten und kennt alles nur vom Hören-Sagen und muss sich daran orientieren. Ich bin rückblickend für jeden Urlaub und Schritt nach außen, außerhalb der Grenzen, dankbar – und sei es nur wegen “kleiner, unbedeutender” Erfahrungen. Ich denke, hätten alle Menschen dieser Erde die Möglichkeit, ein Viertel oder die Hälfte ihres Lebens mal woanders zu verbringen (mit Wohnung, Arbeiten und so weiter), würden sich das Stimmungsbild zwischen den Kulturen radikal verändern. Heißt nicht, dass alle Konflikte sich auflösen, aber ein wenig mehr Klarheit und Ruhe gäbe es schon.

Insofern freue ich mich über jeden, der den Mut aufbringt, es zu versuchen… ich denke, es ist auf jeden Fall immer so oder so eine zusätzliche Bereicherung im Leben, unabhängig davon, ob es dann eine endgültige Lösung ist oder nicht. Was bringt es, sich jahrzehntelang mühsam ein stabiles (bröckelt so oder so immer) Leben aufzubauen um irgendwann in seinem Luxusgarten zu leben… und ihn dann Tag für Tag anzuschauen… den immer gleichen Rasen. Den Rest seines Lebens – und dann zu sterben und das war es. Leben “müssen” wir so oder so bzw. ist es auch einfach ein elementarer Bestandteil der Menschheit, der Erde und des Universums. Besser also zu “leben”, zu “erleben” und zu “erfahren” und “kennenzulernen”… etwas “sehen” im Leben, denn das Ende kommt dann meistens eh schneller als gedacht. Ein Unfall, eine Krankheit, ein Mord, eine Naturkatastrophe, was auch immer…. es geht schneller als man glaubt und auch kurzfristig und fast immer ungeplant. Vor allem, wenn man schon 3 Jahrzehnte auf der Erde herum kugelt. Noch 3 Jahrzehnte, die Chancen steigen da um ein vielfaches, und zudem man kann sich bereits mit Wärmeflasche, Tabletten und Gehstöcken auseinandersetzen. Leben muss man im jetzt.

Ich hab das alles bis jetzt selber nicht ausreichend genützt oder “gelebt”. Leider… und bereue auch jede Minute davon – auch wenn es natürlich alles irgendwo schon auch seinen Sinn hat(te). So… und jetzt würde ich am liebsten den Eintrag gleich wieder löschen… klingt so wie diese Pest-Einträge im Netz “Wie blogge ich richtig? Also Kinder, heute schreibe und erkläre ich Euch mal, wie man einen erfolgreichen Blog schreibt” – genau. Grausig und lästig und großkotzig. “Jetzt sage ich Euch mal so nebenbei, wie man richtig lebt” – dümpel aber selber rum… seufz. Also fassen wir zusammen – wenn jemand von Euch die Möglichkeit hat, ins Ausland zu gehen, dort Erfahrungen zu sammeln und das Ganze ein klein wenig durchdacht ist im Vorfeld – und bei Nicht-Gelingen zudem auch kein großer und bedrohlicher Verlust eintritt, sondern eher nur eine wertvolle Erfahrung übrig bleibt… dann los und auf! Nützt die Chance der heutigen Zeit! Keine der vorherigen Generationen hatte diese Möglichkeit wie wir heute…die klebten immer nur am selben Fleck bzw. im selben, geschlossenen Kreis. Und es ist sicherlich besser, wenn man am Sterbebett dann auf ein Leben voll Erfahrungen, Kulturen und Co. zurückblicken kann, als auf ein Bankkonto und einen immergrünen, eingezäunten und abrasierten Rasen.

Nur ob der richtige Zeitpunkt jetzt gerade ist… dafür gibt es wohl kein Rezept. Das kann man leider immer nur selber wissen – und da muss das eigene Herz in einem drinnen entscheiden.


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Purer Lifestyle
Leben, Freude und unbestimmte Definition
Leben. Atmen.
30 Jahre
Sinnfreies um das Nichts
Silvester



DEINE MEINUNG