Blograuschen

Es ist unglaublich, was sich auch in der heimischen Szene der Blogs mittlerweile getan hat, ernsthaft. Eigentlich wollte ich heute sehr zeitig aufstehen und etliche andere Dinge erledigen, bin auch seit halb fünf wach – aber bin dann irgendwie an etwas völlig anderem hängen geblieben… und zwar an diversen Listen verschiedener, österreichischer Blogs. Und man muss wirklich sagen – die Qualität hat sich ziemlich gesteigert.

Vor allem deswegen, weil man bei einigen nur per Zufall draufkommt, dass sie aus Österreich sind. Erst durch Querlinks oder Nebenbemerkungen da und dort stellt man fest – der ist aus Wien, Niederösterreich, aus Tirol, aus der Steiermark und so weiter… die Bloggerlandschaft ist stark gewachsen. Und viele davon sind zwar nicht besonders groß oder man kennt sie vermutlich nur in kleinen Kreisen, aber etliche unter ihnen arbeiten auch komplett mit eigenen Bildern und recherchierten Themen – und wenn man da sich mal so durchklickt, stellt man fest “Hey, das kann ja richtig was”.

Das ist zwar einerseits sehr erfreulich, denn man denke nur mal ein paar Jahre zurück, wie es da so ausgeschaut hat – da waren die meisten Blogs eher zaghafte oder krankhafte Versuche, irgendwie andere Länder und deren Szeneblogs zu kopieren – aber das hat sich doch nun gewandelt. Andererseits heißt das auch, dass man es als neuer Blogger heute nicht mehr leicht hat. Vor allem Blogger – es gibt heute eh keine Grenze mehr zwischen Blogs, Webseiten, News-Seiten und so weiter – fast alle Seiten, Portfolios und Profile präsentieren heute regelmäßige Updates, bedingt durch die geschichtliche Entwicklung der Technik. Früher – als ich meinen ersten Blog tippte, gab es noch nicht mal WordPress oder Blogger.com und dergleichen, da gab es kaum selbst installierte Blogs und nur wenige hatten einen eigenen Domain – heute sind das Dinge, die praktisch jeder in wenigen Minuten oder Tagen haben kann. Ist nicht komplizierter als zuhause den Internet-Stick in den Laptop zu stecken. Und das alles führt natürlich zu einer stark wachsenden Massen-Konkurrenz.

In dem Rauschen von Mode-, Foto- und Stylingblogs überhaupt noch aufzufallen, ist nicht mehr leicht… alleine in der aktiven und etwas geschlossenen Gruppe der heimischen Modeblogger finden sich aktuell an die 70 Einträge – und das sind die, die aktiv versuchen sich zu gruppieren oder selber zu bewerben und irgendwie damit zu punkten oder etwas zu erreichen – daneben dürfte es eine wesentlich höhere Dunkelziffer geben. Wenn man dann das Themengebiet noch erweitert mit Film, Kunst, Lebensflow und dergleichen, beginnen die Statistiken zu platzen. Viele Blogs sind zudem in Englisch, was eben erst auf den zweiten Blick – mit etwas Überraschung – ermöglicht zu erkennen, dass es sich um einen Blog zum Beispiel aus irgendeinem kleinen Provinznest in der Pampa bei uns handelt.

Es ist seltsam – es ist diese Mischung zwischen Freude über eine gelebte, lang vermisste Kultur und andererseits (ganz natürlich), auch dieser Konflikt mit der Tatsache, dass die Zeiten von Blogger-Erfolgen damit drastisch sinken. Da entdeckt man was Neues und stellt einige Stunden oder Tage später fest, dass es die News eh schon drei oder vierzig Mal Tage zuvor gab.

Es verliert sich ein wenig die Unikatur im Netz… und man wird als Leser auch müde. Sogar ich – als begeisterter Blog-Leser, der am liebsten privat geführte, abwechslungsreiche Blogs mag, die eher aus dem Alltag erzählen (anstatt nur konzentriert ein spezifisches Thema), komme einfach nicht mehr mit. Da müsste ich am Tag zwanzig Einträge lesen, wo jemand eine Erfahrung teilt – ich würde gerne, aber das geht eben zeitlich nicht. So klickt man sich durch das Rauschen, bleibt immer wieder bei einem Kanal hängen – aber sowas wie einen Lieblings-Sender zu finden, ist nicht leicht geworden, denn es poppen jeden Tag neue Kanäle auf – und schlechter werden sie nicht.

Einziges Qualitätsmerkmal ist meistens die Langlebigkeit – richtig spannend sind die privaten Blogs, die schon seit vielen Jahren bloggen, deren Schreiber ihr eigener Blog bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist und die eine kontinuierliche Geschichte schreiben, ähnlich einem Logbuch. Das erinnert mich an die “Schiffs-Logbücher des Christoph Kolumbus” bei seinen Entdeckungsfahrten – das war eine interessante Lektüre.

Ich bin gespannt, was die Zukunft an neuen, unentdeckten Gruppierungen mit neuen technischen Ansätzen bringt – denn zu allen Massenphänomenen gibt es immer recht bald eine Gegenbewegung, oft mit etwas Retro-Flow vermischt. Und das wird vermutlich bei Blogs auch sein – die Frage ist nur was und wie. Aber dennoch freue ich mich über jeden neuen Blog und Schreiber, auch wenn das Rauschen dadurch immer lauter wird…


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Menschen und Vorlieben
Fragwürdige Diskussion
So schaut das also aus…
Neues Update
Aufgeschnappt – verlorenes Bloggen
Freundlicher lesen



DEINE MEINUNG