Erstens – nein, ich schaue heute nicht “Wetten, dass..?”. Auch wenn es die letzte Folge ist. Und zweitens nein, ich boykottiere es nicht, weil ich die Sendung nicht mag oder so, auch nicht, weil ich keine Lust habe, mir das ewige Sofa-Gequatsche anzuschauen – sondern weil ich auch da lieber das Gute von früher in Erinnerung behalte. Denn sind wir uns ganz ehrlich – die meisten von uns sind ja in den letzten Jahren vermutlich so wie ich eh schon irgendwie angeödet gewesen – zu viel Blablabla und zu seichte Wetten, mehr Show der Show wegen selbst. Aber sind wir uns auch weiter ehrlich – früher, vor vielen, vielen Jahren, da war die Sendung schon etwas Feines. Damals wollte man am Samstag Abend irgendwie einfach dabei sein, unbedingt zuhause gemütlich vor dem Fernseher sitzen – und man hat sich bereits oft im Vorfeld auf den netten, schon lange, regelmäßig geplanten Abschluss des Tages vor der Flimmerkiste gefreut.
Denn das war ja das Feine – eine nette, harmlose und leicht amüsante Unterhaltung, und irgendwie hat man das auch immer bereits im Vorfeld gewusst: da passiert nichts Unerwartetes. Da bleibt alles wie es ist. Naja – und irgendwann dann – und schon lange vor dem Unfall – ist es dann einfach in Eintönigkeit gekippt und ich habe es bleiben lassen… wenn die Gäste mehr Zeit in Anspruch nehmen als die Wetten, wird es eben fad… aber dafür habe ich jedoch die Erinnerungen an die Kindheit und etliche nette TV-Abende alleine und mit der Familie damalig in mir aufgehoben. Zudem – wie heißt es denn so schön… “Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist!”.
Und Aufgüsse tun da selten gut – meiner Meinung nach und auch mit dem fragwürdigen Blick hinüber auf die Planung, doch weiter zu machen und das ganze Rad der Show neu zu erfinden. Denn man kann es sich auch bereits vorstellen, was das bedeuten würde… sollte jemand die Schnappsidee haben und wirklich der Sendung “neues Leben” einhauchen, dann käme vermutlich ein gepanschter Verschnitt von diversen LandXY-sucht-den-Superstar, Irgendwas-Talent und ähnlichen Plastik-Produktions-Style-Formaten. Laut, spektakulär, modern und der heutigen, abgestumpften und verschrobenen Publikumsmasse angepasst – denn sonst greift ja das Sendekonzept nicht mehr und es versinkt in der Bedeutungslosigkeit.
Gottschalks Wunsch “Jemand hübschen als Nachfolger” – zumindest laut einschlägiger/verschlagener Zeitung – führt ja dann doch nur zu einem visuellen Feuerwerk, welches man ja bereits von einigen der TV-Singsang-Wettbewerben kennt. Nette Kameraschwenks, ein paar Nahaufnahmen vom Lipgloss und den ständig neuen, prachtvollen Outfits, die in den Kameralinsen schön glitzern, gepaart mit viel Scheinwerfer-Licht und dem obligatorischem Dekolleté – und die wilden Emotionen der Moderatorin – oder des Moderatoren – ganz nahe zuhause und spürbar für Jedermann. Plastik-Porno-Kaugummi für die Augen.
Außerdem – was einfach heute – in meiner persönlichen Welt der bedeutungslosen Ansichten meinerseits – nicht mehr funktioniert, ist dieses Format der kleinen Wetten. Also Wetten, die irgendwie mehr oder weniger auch im Wirtshaus ablaufen könnten. Menschen wie Du und Ich, die bunt gemischt aus den hintersten Dörfern und Städten kommen, die umfangreiche oder kaum Bildung haben – aber dafür kreative oder einfach herzig-verrückte Ideen in sich tragen. Aber heute ist auch das schon “vergiftet” – ironischerweise prompt durch unsere Alltags-TV-Shows selber. Fast jeder, auch in dem hintersten Eck der TV-Bestrahlungslandschaft, weiß mittlerweile, dass man nur dann auffällt, wenn man irgendwie hervorsticht oder halt eben perfekt in das gesendete Format und das vorgeschriebene Drehbuch passt. Deswegen platzen Castingshows ja fast vor lauter “Freaks” und “Cool-Self-Made-Gurus” heutzutage – und bei einem Aufguss von Gottschalks Vermächtnis wäre das vermutlich noch stärker… da sehen wir dann junge Hippster und den TV-Markt-getrimmten Nachwuchs mit besonders ungewöhnlichen Wett-Ansätzen, die extra nach einem Konzept erarbeitet wurden – nämlich um ja irgendwie aufzufallen.
Egal wie man es dreht – es bleiben lassen wäre das beste, lieber ZDF. Erinnert mich an die Ideen unseres ORF verstärkt Eigenmarken und Produktionen zu zeigen – Stichwort “die große Reform”. Dass damals die Seherzahlen abstürzten (noch mehr als sonst) als irgendwelche unlustigen Wiener-Soaps liefen, konnte irgendwie jedes Kind mit verbundenen Augen vorhersagen – warum diese Erkenntnis denen da oben nicht gekommen ist (und zwar vor der Ausstrahlung und generell vor der Produktion noch), verstehe ich bis heute nicht. Bereits nach der ersten Folge hatte sich alles disqualifiziert. B-Promis mit dem Kaisermühlenblues-Charme in einer Wiener Mischung in trockener Aufguss-Form… autsch. Auch frage ich mich bis heute, wie Programmchefs und Co. auf die Idee kommen, beispielsweise diese klassisch deutschen “Comedy-Bühnendarsteller” regelmäßig auszustrahlen. Ich habe bis heute noch niemanden kennen gelernt – außer jemand mit einem wirklich sehr leichten Gemüt – der diese deutschen oder österreichischen Witzbolde wirklich lustig findet. Die Witze leben von eingespielten Publikumslachern, viel Alkohol bei den Saalzuschauern und den eigenen Lachern des begnadeten Bühnenkasperls – und extra flachen, immer wieder neu gemischten Humor, der an die klassischen Sommerhits-Handy-Klingeltöne erinnern.
Und ich will nichts gegen die deutschen Nachbarn sagen, aber deren Comedy-Artists sind bis auf zwei-drei Ausnahmen wirklich nur furchtbar. Erinnert mich oft eher an einen lächelnden, schmierigen Autoverkäufer, der seine eigenen Witze in einem Notiz-Buch sammelt und jedem bei jeder Gelegenheit das Ganze vorliest – und selber dabei am lautesten lacht. Bei unseren Ösi-Bühnenbefüller besteht die Gefahr hingegen nicht, denn der depressive Schmäh erstickt sowieso jede Freude im Keim und die Tränen vor Lachen bekommen da eine ganz andere Bedeutung. Wohl dem, der sich dann nicht vor die nächste S-Bahn wirft. Ösi-Schmäh heißt Tod, Zentralfriedhof, Oasch, Gitti-Tant, Hawara und danke, mir geht’s g’schissn – und Dir? Selbstverständlich mit dem originalen und spielerischen Grinse-Schmäh, den man von Wiener Taxifahrern kennt, wenn sie einem über’s Ohr hauen und zeitgleich motorisierte Fiaker-Rundfahrten spielen.
So oder so - so richtig gute, lange Abendunterhaltungs-Shows mit Stil gibt’s einfach schon seit Jahren nicht mehr… und wenn es sie gäben würde, dann würden sie relativ bald untergehen – die neue TV-Zuseher-Generation und so kann ja damit nichts anfangen. Der gute Gottschalk sollte da bleiben, wo ich ihn in letzter Zeit ein paar mal gesehen habe – bei einem Digi-Kanal als Film-Kritiker und Präsentator der L.A.-Hollywood-Szene. Das hat etwas von schönem, klassischem Mehrwert, der harmlos und sympathisch ist – und wo der “Thomas” seinen Charakter gereifter ausspielen kann. Mir gefällt’s.
“Wetten, dass…?” selber hat für mich schon lange verloren und ich wette darauf, dass sich bei einem Aufguss einige verwetten werden. Raumschiff Enterprise und Käptn Kirk sind unbestrittene Unikate, etwas eigenes und unverfälschtes. Und lebt bis heute als Kult weiter. Und genauso ist es jetzt mit diesem Sendeformat. Man sollte es als Klassiker der TV-Landschaft sterben lassen… um es zu erhalten.




