Zuviel Socialzeugs & Privatsphäre – was ist das?

Ich bin hin und hergerissen. Es ist auch wirklich schwer und nicht leicht… das liebe Online-Sozial-Leben. Hin und hergerissen deswegen, weil ich schon gar nicht mehr weiß, wo dabei sein, wo nicht, wo sollte man, wo nicht und vor allem – wozu?

Denn eigentlich bin ich genervt. Also von der Grundlage, dass man zum Beispiel ohne Facebook es zwar natürlich noch immer ganz normal leicht hat im Leben, aber es dennoch vor allem für Freunde, die nun im Ausland leben, recht praktisch ist. So bleibe ich am laufenden, was einer der Friendgotchis auf den anderen Kontintenten so treibt – sei es durch Statusmeldungen oder auch durch Fotos und Videos. Man bleibt am Ball und kann so auch bei den – durch Zeitverschiebung oft eingeschränkten – Unterhaltungen gleich wo einhaken, nachfragen und so weiter… das Freundschaftsband bleibt stärker erhalten. Zumindest besser, als mit den Emails, die man im Laufe der Zeit ja dann doch immer seltener schreibt – und die einer gewissen, inhaltlichen Verzögerung unterliegen – was nicht immer sehr förderlich für den Austausch ist. Und Telefonate – abgesehen von Skypen und dergleichen – fallen natürlich aus Kostengründen oder Verbindungstechnischen Problemen mehr oder weniger aus.

Somit also das Konklusio, dass man eine soziale Plattform sehr wohl richtig nützen kann – und nicht nur, um unechte Freunde zu haben oder seine Daten bereitweillig an kommerzielle Firmen zu verfüttern – was ja oft im breiten Tenor der Usermasse vertreten wird. Deshalb auch wieder mal das Beispiel. Eine soziale Plattform wie Twitter, Facebook, Google+ und Co. ist ja nichts anderes wie ein Hammer. Je nach User und seinen Vorlieben oder dem Verständnis seines eigenen Tuns, kann man mit diesem Hammer schöne Bilder in der Wohnung annageln, ein Holzstück mit Schnitzwerkzeug bearbeiten und ein Kunstwerk daraus machen oder auch ein Geschenk. Genauso kann ich mit so einem Hammer auch eine Mauer niederreißen – oder auch einen Menschen damit verletzen – oder sogar umbringen. So oder so – der Hammer ist nicht die Grundlage oder Ursache von Erfolg beziehungsweise von Problemen – sondern noch immer der Mensch und sein Umgang damit. Ich kann soziale Plattformen mit bedacht nutzen und sinnvoll verwenden – ich muss ja keine unechten Freunde haben, ich muss nicht 400 Friends haben und ich muss nicht ständig eine Statusmeldung abgeben, wie zum Beispiel, dass ich gerade eine Pizza esse.

Aber natürlich – wenn jemand das möchte… dann soll er das auch. Nur finde ich es belustigend, wenn sich dann jemand wundert, weil ihm das Ganze irgendwann sinnlos vorkommt. Ich für meinen Teil, werde heute wieder eine Großreinigung machen und viele zum Beispiel aus meiner Facebook-Liste rausschmeißen – auch um Abstand von dem Teamprojekt zu bekommen – und frisch neu zu starten. Ich möchte diese Plattform wieder dazu nutzen, wozu sie in meinen Augen dienen sollte – mit Menschen in Verbindung bleiben, die man im realen Alltag nur schwer treffen kann – sich mit ihnen aber trotzdem noch immer verbunden fühlt.

Und dennoch – trotz all dieser Logik, ist es dennoch ein gewisses Hin & Her. Denn eigentlich will ich mein “Ich” viel mehr kontrolliert hier auf diesem Blog “formen” und “zeigen”. Und nicht jedem Trend an sozialen Angeboten im Netz hinter her laufen… andererseits – und das ist in meinen Augen ein generelles Grundproblem – ist die Vielfalt nicht nur in der Bereitstellung zu finden, sondern auch bei den Usern. Es gibt Freunde, die sind nur da, andere wiederum nur dort, der eine verwendet Skype, der andere Whatsapp, der andere Google-Chat und so weiter… und bei den Webseiten ist das Gleiche. Und das ist das Mühsame und Schwierige. Wieder mal die Qual der Wahl wie in einem der letzten Beiträge.

Twittern – auch so eine Sache. Gestern habe ich meinen Account wieder reaktiviert, einfach deswegen, weil ich gerne privat bloggen möchte – andererseits nicht immer hier fette Beiträge schreiben kann (obwohl das Bedürfnis endlich wieder da ist). Da ist man unterwegs und möchte zum Beispiel irgendwie den schönen Sonnenaufgang “loswerden”, jemanden mitteilen. Eigentlich verrückt – und die große Frage auch wozu? Warum freut man sich nicht einfach im Stillen darüber und fertig. Auch schön, oder? Vielleicht ist die heutige, junge Computer-Generation, zu der ich ja auch irgendwie gerade noch gehöre mit 30, bereits so “geschult” durch das weltweite Netz, dass man einfach dieses Bedürfnis hat und auch benötigt. Man muss sich mitteilen. Warum auch immer… vielleicht liegt es daran, dass immer mehr und mehr Menschen (Jugendliche) alleine ihre Zeit verbringen – vor der TV-Kiste und Konsolen. Und auch generell weniger Zeit haben – Schulalltag, gestiegene Anforderungen im frühen Berufsleben, viel mehr & lockere Familienverbände als früher und so weiter… und irgendwo muss dann alles raus.

Das Seltsame ist, dass ich mich ohne Twitter irgendwie unvollständig im Tätigkeits-Kontext zu meinen Online-Aktivitäten fühle. Es gehört irgendwie zum abgerundeten Bild eines Bloggers dazu – und macht auch Sinn. Ich kann schließlich nicht für jeden Satz hier einen eigenen Eintrag machen. Das würde nerven. Andererseits bleibt noch immer die Frage nach dem “Warum?” bei mir unberührt. Vermutlich wird es so sein, dass ich den Twitter-Account nach einiger Zeit wieder deaktiviere. Weil wozu und so halt…

Man möchte alle Kanäle ausprobieren, möchte alle Möglichkeiten nützen, die es gibt – schließlich ist die Neugierde auch ein Grundzug des Menschen, der sie vorangetrieben hat die letzten paar Tausend Jahre – nur manchmal beginne auch ich die Ansicht zu vertreten, dass sich das Netz und seine technischen Möglichkeiten fast ein wenig zu schnell entwickelt haben. Der Mensch wird tatsächlich – und das sage ich als absoluter Hightech-Freak der ersten Stunde und Liebhaber von Robotern, drahtlosen Systemen und Co. – von der Technik und dem Fortschritt überrollt. Er kommt körperlich und arbeitstechnisch damit zurecht – aber ich glaube die mentale Seite tut sich ein wenig schwerer, weil festgefahrene Sozial-Systeme der Menschen binnen kürzerster Zeit (100 ~ 50 Jahre) vollständig verdreht und geändert wurden.

Aja, das Stichwort “Privatsphäre” im Netz. Etwas, das mich immer wieder aufs Neue wundert, ist die Idee von “Privatsphäre im Netz”. Dass noch immer Menschen glauben, dass die Richtung lautet – es gibt eine Privatsphäre… und dann gibt es halt “das Große” da draußen, was jeder sehen kann. Dabei ist es genau umgekehrt. In erster Linien ist mal im weltweiten Netz mal alles offen und transparent – und erst in zweiter Linien kann man mit vielen Einschränkungen und auch nur halbert, Dinge schützen. Aber im Grundprinzip ist alles, was ich hochlade oder veröffentliche mal für jeden oder diverse Personen zugänglich. Das beginnt bei Providern, Regierungseinrichtungen, Serviceanbietern und so weiter…

Natürlich – es gibt Gesetze, die das schützen. Nur wer realistisch denkt, weiß auch, dass die Praxis mit der Theorie am Papier wenig zu tun hat. Erinnert mich an die Überwachungsgeschichte mit den Schüler-Laptops in Amiland. Damals wurde auf Schullaptops eine Überwachungssoftware installiert, die es ermöglichte, die Geräte zuhause in den Wohnungen der Schüler zu aktivieren und die eingebaute Webcam ebenfalls. Grund – man wollte Verstöße und dergleichen ahnden. Jetzt sind wir uns mal ehrlich… da sitzt vermutlich ein Typ irgendwo am PC – und mir kann keiner erzählen, dass der nicht einen Screenshot macht, wenn sich per Zufall irgendwo eine “süße Schülerin” vor der Webcam zum Beispiel auszieht. Den schickt er dann weiter, der andere wiederum ebenfalls und irgendwann landet das Ganze dann auf irgendeiner Gallery-Porno-Seite. Und genauso simpel löchrig so ein kleines System ist, ist es auch mit den großen Datenströmen der Massen-Plattformen.

Sogar ich selber habe gemerkt, wie schwierig Datenschutz sein kann. Man betreut große Systeme mit vielen Kundendaten und dergleichen – oder man richtet mal von Bekannten einen Laptop wieder her. Man sichert den Inhalt, richtet extra auf Wunsch den Email-Account ein, schaut “ob eh alle Bilder da sind” auf ein Bitten des Inhabers – egal wie man es dreht… man kommt so oder so mit privaten Material in Berührung. Oder auch das klassische Beispiel – eine Firma hat wichtige, personenbezogene Daten, auch Richtlinien für den Umgang damit… aber dann wird der erstbeste Praktikant für 3 Monate ebenfalls vor die Datenbank gesetzt, hat auf alles Zugriff (muss ja damit arbeiten) und kann alles einsehen. Adressen, Telefonnummern und so weiter. Dann, nach Ablauf der Zeit, ist er wieder weg. Und in seinem Kopf oder auf dem USB-Stick entweder die aktuelle Adresse seiner Exfreundin oder gleich 3000 Datensätze. Jeder, der die Meinung vertritt, dass man sowas mit Gesetzen, Richtlinien und Co. “beherrschen” kann, ist fast irgendwie – und vorsichtig gesagt – etwas naiv. Wenn Menschen davor sitzen, passieren solche Dinge… ähnlich wie es ja bereits mehrfach publik gemacht wurde und man feststellen musste, dass große, öffentliche Einrichtungen Daten auf USB-Sticks unverschlüsselt per Post verschicken. Irgendwie liegt es auf der Hand, dass es nie eine vollständige Privatsphäre bei Online- bzw. elektronischen Daten geben kann. Man sollte also von Anfang an und ganz natürlich und bei vollem Bewusstsein sich klar machen: man ist im Netz so oder so transparent, filterbar, einstufbar und verkaufbar. Immer. So. Jetzt bin ich abgeschweift… eigentlich wollte ich mir damit selber bekräftigen, dass ich mir mein eigenes Engagement im Netz genau überlegen sollte. Hier bei meinem Blog schreibe ich bewusst die Informationen über mich öffentlich zugänglich und verfügbar. Nur will ich das auch noch bei drei weiteren Seiten?

Also damit wieder zurück zum eigentlichen Thema… zuviel Socialzeugs. Momentan kullere ich also bei Facebook, Twitter und Google+ herum. Und es sind mir mindestens zwei zuviel. Und praktisch jeder noch dazu unsympathisch und zu Datengierig. Andererseits will ich die Funktion in nützlicher Weise für nahe Freunde auch verwenden. Schon alleine das dreifache Einloggen ist störend – andererseits will ich genauso wenig, dass ich einen Account für alles habe.

Gibt es eigentlich irgendjemanden, der mal alle oder eines dieser Services “sinnvoll” verwendet hat und dennoch ihnen den Rücken gekehrt hat? Die Nase voll hatte? (Aber vorsichtig bei dieser Frage… es hängt dabei – und als Berücksichtigung – natürlich viel von seinem Freundeskreis und dessen Zustand ab – jemand, dessen Freunde alle nur einen Steinwurf entfernt wohnen, benötigt diese Dinge natürlich nicht unbedingt. Aber da mein Umkreis zu 80% außerhalb Österreichs unterwegs ist, besteht meinerseits schon ein wenig Bedarf an einem – oder mehrern – nützlichen “Hammer”. ;)

 


Autor: Emanuel Sprosec

Hier schreibt Emanuel-S aus Wien. Schoko-, Katzen- und Naturliebhaber, Mode-, Fotografie- sowie Linux-Freak und Blogger seit 10 Jahren. Wer noch mehr wissen will, findet in meinem Portfolio weitere Infos und ein paar meiner Arbeiten.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Fernsehen
Sozialschichtenfeuerwerk oder so…
It’s Gotchiiii-Time!
Weihnachtskram
Mühsam
Amüsante Welt der Sprachen und Blogs



DEINE MEINUNG