
Ich ärgere mich. Wiedermal über das gleiche Problem. Darüber, dass ich nicht schon von Anbeginn an meines Blogger-Lebens vor mehr als einem Jahrzehnt mir eine zweite Identität aufgebaut habe. Ein zweites, getrenntes Ich. Einen Gegenspieler und einen Freund. Einen zweiten Menschen in mir drinnen, der diese Online-Welt hier ausgiebig lebt, nutzt und darüber spricht und schreibt – und Ich selber, der dieses zweite Ich nur liest und vielleicht hin und wieder sogar kommentiert.
Don Alphonso zum Beispiel hat ja das – wie auch so manch anderer Blogger – früh erkannt und lebt sozusagen seine beiden Ich’s auch erfolgreich aus. Seit Jahren. In seinem Blog schreibt er manchmal auch in der Wir-Form oder eben aus der zweiten Sichtweise über sich selber – und das alles würde auch meinem Geist entsprechen. Nur hat er es, im Gegensatz zu mir, konsequent durchgezogen.
“Wenn man es genau betrachtet, ist Don Alphonso eine Kunstfigur. Eine Literarisierung meiner richtigen Persönlichkeit, die weit genug weg von meiner eigentlich Persönlichkeit ist, als das ich mir das Gerede um Don Alphonso nicht zu Herzen nehmen müsste. Es ist eigentlich eine sehr angenehme Erscheinung, die es auch erlaubt, neben dieser Online-Existenz auch noch ein normales Leben zu führen, das überhaupt nichts mit den ganzen Sachen des Don Alphonsos zutun hat.”
Zitat: Medien Mittweida. Interview von Mario Fuerderer mit Rainer Meyer: Das gesamte Interview lesen
Ich habe leider den Fehler gemacht und im Laufe der Zeit viel zu oft den Blog gewechselt, viel zu oft den Seiten-Namen, habe zu oft Provider und Anbieter getauscht, alte Einträge gelöscht und auch meinen “Stil” zu oft geändert, die Themen-Schwerpunkte und so weiter… dadurch hat es nie diese wunderbare Stetigkeit gegeben, die ich selber so gerne hier sehen würde. Auch ein Grund, warum bis heute hunderte alte Artikel buntgemischt noch nicht hier im Archiv gelandet sind, sondern verloren und teilweise vergessen irgendwo auf diversen Festplatten verschüttet sind.
Dabei gäbe es viel mehr zu sagen, viel mehr zu schreiben – was aber irgendwie nicht immer ganz geht, weil es entweder zu persönlich, zu widersprüchlich oder zu kontrovers in Hinblick auf mich selber wäre oder auch einen zu direkten Einblick in das tatsächliche “Ich” darstellt.
Es fällt schwer, sich als Einzelperson in seinen eigenen Erzählungen richtig an der Nase zu nehmen, sich selber zu kritisieren oder in Frage zu stellen. Es fehlt also diese zweite Kunstfigur, mit der man einen Blog freier und offener führen kann – ohne, dass man in der Realität dann dieser Mensch unbedingt sein muss oder ist. Denn schließlich gibt es kaum einen Blogger, der im realen Leben genau 1:1 das ist, was man über ihn lesen kann – es wäre auch nicht möglich.
Und es hat ja auch praktisch jeder mindestens zwei Charaktere in sich – bei mir gibt es den ruhigen, zurückhaltenden und eher nachdenklichen Charakter… und dann den amüsierten, frechen und lockeren Plaudermenschen, der alles besser weiß und wissen will.
Die beiden zu vereinen ist nicht leicht, da sie absolut gegensätzlich handeln und vor allem der zweite eher jemand ist, der ausgelebt werden möchte – ohne aber deswegen gleich den anderen ungewollt mitzuziehen.
Somit hätte ich mich schon vor langer Zeit von mir trennen müssen. Denn dann würde ich hier – vermutlich als “Don Lope de Aguirre” – viel freier schreiben. Und würde mich provozieren und mich selber vermutlich in den Kommentaren dann zensieren.


…und womöglich bald aus der realen welt vollkommen geflüchtet sein……
…falsch, sondern um völlig losgelöst von der digitalen und virtuellen Welt das Reale zu genießen. Schärfer getrennt und nicht so schwammig wie heute.