Ja, dass ich eine Schraube locker habe, weiß nicht nur jeder, der mich lange genug und meine diversen sinnlosen Projekte kennt – auch geistig und natürlich auch gerade eben schaut es da nicht anders aus. Also eine ist gut. In mentaler Sicht mag das vielleicht zutreffen, wobei sich hier die Patina des Älter-werdens auch schön langsam durchschlägt – da tut sich nicht mehr viel… die mentale Schraube hat sich quasi festgesetzt und wird sich weder mehr lockern noch festziehen lassen.

Aber abseits von dem Geschreibsel hier lockere und ziehe ich gerade viele andere, handfeste Schrauben da und dort fest – denn mein Radprojekt nimmt langsam eine Form an. Und so habe ich bereits aus dem – ich nenne es jetzt hier mal einfach “Flohmarkt-Fundus”, denn eine andere Bezeichnung wäre nicht passender und ist auch nicht weiter notwendig – Bremsen, Schaltung und Co. ausgebaut und beginne mit einer langsamen und gemächlichen Begutachtung, Vor-Säuberung und Sortierung.

Zeit habe ich ja und es gilt die alten, mit leichtem Flugrost versetzten Schrauben zu lockern und abzuziehen. Schade, dass das mit der geistigen Form nicht so leicht geht, denn das Rad kann ich jederzeit wegstellen, mit sich selber geht sowas eher schlecht.
Aber nun gut – also erst ein wenig vorab säubern, dann etwas baden und lösen lassen, wieder säubern, dann etwas ölen und einfetten und danach wieder in ein glänzendes Stück verwandeln – und bereit legen.
Der Winter und der Wind werden lange anhalten. Zeit ist zur Abwechslung mal relativ. Vor allem der kommende Rahmen wird einiges fordern – an Freude und auch an Schmerz, soviel weiß ich schon. Neu lackieren muss sein, aber je näher dieser Moment rückt, umso schwieriger wird die Entscheidung. Weiß als Basis, soviel wissen wir alle schon, ein wenig Grundlage muss sein, ähnlich wie der Camembert, den ich seit einiger Zeit immer wieder als Fundament für den restlichen Tag mir zuführe und genussvoll verzehre.

Doch dann? Ein wenig Grün, angelehnt an Weintrauben? Oder doch braun, ein Herbsteindruck von braunem und rot-leuchtendem Wald? Oder gar ganz modern und minimal in klaren, glänzendem weiß – mit nur roten Elementen, die das Ganze elegant, leicht und zugleich sportlich machen? Es sind halt diese mühsamen stilistischen Fragen, die man sich unter anderem im Schweiße des Angesichtes in der stickigen und heißen Umkleidekabine beim Bekleidungskauf stellt – dies oder jenes?
Da ich das aber ungern mache und zumeist ins Unendliche verschieben, fehlt mir diese Gabe und Übung von schneller Entscheidung. Allerdings und wobei – je länger ich darüber sinniere, umso mehr schwelt in mir dieser Wunsch nach Oldtimer-Touch. Also farblich gesehen. Es ist ein altes Rad, ein Stahlrohr-Renner noch dazu, rund um 1980 wäre es sicherlich gut platziert und geschätzt – und damit auch meinem eigenen Baujahr recht gut entsprechend – und deswegen muss es da auch wieder hin… optisch.

Und so lasse ich mich von Oldtimer inspirieren, grase die Farbgebungen ab und suche nach einer Mischung zwischen rot, weiß, braun, beige, orange und grün oder blau. Wobei die beiden letzteren es eher nicht werden. Gut gefallen würde mir auch ein glänzendes, altes Braun, ähnlich wie man es noch bei so manchen alten Oldtimer-Mercedes findet, vielleicht mit weißer und beiger Schrift darauf, mit ein paar unechten Chrome-Element-Farbstrichen.
Aber leicht wird es nicht, das Material ist angeschlagen, Rost und Patina gehen Hand in Hand und ein leichter Grundschaden wird das Ganze auch eher zu einem Wandhänge-Element und einer vielleicht 5-maligen Ausfahrt im Jahr führen, aber schon alleine der Gedanke an die Vollendung von so einem kleinen Mini-Freizeit-Nebenbei-Projekt, lässt das Leben weiterlaufen und macht es lebenswert. Es sind ja die kleinen Dinge, die einem wirklich glücklich machen.
Heute Abend wird wieder geschraubt, geputzt und beiseite gelegt. Und morgen findet dann hoffentlich auch der Rahmen einen Weg in meine Häuslichkeit – dem werde ich mehr Aufmerksamkeit widmen und auch müssen, denn der wird sicherlich viel Zeit in Anspruch nehmen.
Vielleicht doch nur weiß, mit roten Schriftzügen und Formen, ein paar schwarze Zahlen und Logos als Verstärkung der 70~80er-Rennen von Le Mans? Wäre freundlich, hell, warm und zugleich sportlich, aber nicht zu modern…?
Denn das harte und klare und minimale Moderne kann nichts, nein – das wird es mal nicht werden. Dieser Entschluss ist soeben gereift.
Da muss der angenehme Berg-Hauch und die gute Luft von damals rein – als man durch die heimatlichen Gefilde fuhr, bei der Raststation am Zwischengipfel halt machte, einen Kaiserspritzer zu sich nahm und den Lederriemen der Fahrradsatteltasche festzurrte, während aus dem Radio im Hintergrund die vierrädrige Konkurrenz mit der Sendung “Autofahrer unterwegs” dudelte – und man mit einem verabschiedendem ‘Grüß Gott’ hinunter zum See rollte, um sich dann dort auf die sonnige Wiese zu legen, seinen Weltempfänger aufdrehte und sich ein gesundes, frisches Brot mit Wurst und Käse in den Mund schob und der Familie mit dem tuckernden, grünen Käfer gegenüber freundlich zunickte.
*Der letzte Absatz dieser verwaschenen Literatur von Tagträumen eines unsportlichen und zu jungen Schreibers, der seine Kindheit nicht mit und schon gar nicht auf dem (Renn-)Rad verbrachte, sondern stattdessen vor der Retro-Spiel-Konsole am Röhren-Fernseher in der Großstadt faulenzte und eine geschätzte 40-prozentige Leistungsfähigkeit besitzt, sei es verziehen. Ein bisschen geschäumte und beschönte Nostalgie muss im Leben sein, speziell in grauen Winter-Zeiten wie diesen. Heute endet übrigens der Sommer… schon gewusst?
Die Oldtimer-Fotos sind dankenswerterweise von azhararchitecture @ Flickr, der Rest sind die Teile vom alten Rennrad, das ich gerade wieder herrichte(n werde).




40%ige Leistungsfähigkeit ? jemand der zig km mit dem Rad herumdüst oder zu Fuß den ganzen Grüngürtel um die Stadt marschiert – ahaaaaa – dann dürfte ich wohl an der 1%grenze schrammen….