Unter Beobachtung…

Krankenhausbesuche haben ja prinzipiell und generell immer etwas abstoßendes an sich, es sei denn man ist ein junger, aufstrebender Medizinstudent(in), der vor Neugierde auf das menschliche Fleisch platzt oder ein Neurotiker, der sich dort seine Nestwärme holt.

Ich gehöre zu keine der beiden Seiten und deshalb überkommt mich, immer noch und bis heute, dieser leichte Schub an Kälte und einer gewissen Müdigkeit, die in der Resignierung des Gemüts ihre Wurzeln hat. So auch gestern…

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wieviele tausende Menschen tagein und tagaus in das AKH strömen und wieder flüchten, der Massenbetrieb ist hier nicht nur eine Bezeichnung, sondern zugleich auch ein Zustand. Zwar verebbt die biologische Masse der Menschen im Inneren des architektonischen Kolosses, aber dennoch – da drinnen Ruhezonen ohne Menschen zu finden, gleicht wohl eher einem Kunststück.

Zu früh wie immer, saß ich also wie jedes Jahr auf dem gleichen Sessel wie jedes Jahr und starrte auf die gleichen Ärzte und Pfleger wie jedes Jahr. Erstmal was trinken und essen, einerseits um den morgendlichen Blutzuckerspiegel zu heben und zugleich auch um ein wenig mentalen Abstand durch eine Beschäftigung zu gewinnen.

Man weiß nie, wie schnell es geht – es gab schon Kontrollen, da war ich nach insgesamt 20 Minuten wieder am Heimweg, genauso aber gab es welche, wo ich erst nach geschlagenen acht Stunden das Weite suchen durfte. Aber auf der Kardiologie schiebt sich schnell jemand akut und ungeplant in den Tagesablauf – verständlicherweise.

Das Warten in solchen Fällen vertreibt man sich neben der Nahrungsaufnahme am besten mit dem Studium der Anzeigetafeln, der Raumnummern und den verschiedenen Schlapfen & Patschenformen des Personals. Solange, bis man an der Reihe ist.

Ein kleiner Händedruck und schon liegt man in einem fensterlosen, schwach beleuchteten und braun-grün gefärbten  Raum, der einem alten Star Wars-Kulissen-Filmset entsprungen sein könnte, und wird mittels Ultraschall einer Begutachtung unterzogen. Die Herzklappen flappen unüberhörbar durch den kleinen Raum, es werden Zahlen unverständlich gemurmelt, die dennoch anscheinend verstanden und von einer zweiten Hand in einen Computer getippt werden, das gleitende und kühle Gel wird erneuert und verteilt sich am Brustkorb.

Klappe da, Aorta dort, Schatten hier und pulsierende Bewegungen da drüben – ein Kopfnicken und der Arzt scheint zufrieden. Das zerzauste Herz klopft anscheinend wohlgesonnen wie in den letzten Jahren und ich darf mich wieder aufrichten.

Ängstlich fragt die zweite helfende Hand, ob sie mir die Nadel noch in den Arm drücken darf – für’s Blutbild wär’s – nun gut. Aber legen Sie sich doch hin, doch so wie immer bleibe ich aufmüpfig und sitzen – ich bin es ja gewohnt. Und so tropft Blut Röhrchen um Röhrchen aus mir, der Blutdruck fällt im wahrsten Sinne des Wortes – ein kleines Trostpflaster noch und schon bin ich wieder angezogen.

Haben Sie noch Fragen, schwebt es mir entgegen – so wie jedes Jahr stelle ich diese oder jene aus dem immer gleichen Frage-Antwort-Katalog und bekomme die Antworten auch gleich kurz und bündig geliefert. Alles gut.

Aber ich habe es gewusst. Denn es gibt in mir zwei-drei Grundinstinkte, die mir schon ein bis zwei Tage zuvor das Ergebnis verraten. Woher sie kommen und warum die Trefferquote seit fast 30 Jahren bei beinahe 100% liegt, weiß ich nicht, nur dass ich mich darauf verlassen kann.

Dieses Mal wusste ich schon, dass der pulsierende Muskel gut klopfen würde und das Bastelwerk aus der Kindheit noch immer hält – mehr als je gedacht war – und gönnte mir deswegen beim Rausgehen auch gleich einen kleinen Schokoriegel.

Es gibt zwar immer Gründe für ein Stück Schokolade – aber an solchen Tagen darf es dann ja schon auch mal ein bisschen mehr als sonst sein. Oder? Natürlich. Schon alleine dafür hat sich die Kontrolle ausgezahlt…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. der sache mit dem schokoriegel ist nichts, aber wirklich auch gar nichts entgegenzusetzen ;-)
    und was die restliche geschichte anbelangt: freude in der trostlosigkeit : na wenn das nix kann…. :)

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