Nicht in die Augen schauen!

Wer mich kennt, weiß zwar, dass ich hier großspurig über das Nichts schreiben kann und dabei wild alle möglichen Behauptungen und Beschlüsse aufstellen kann, aber im harten und echten Leben da draußen, schaut das Alles ganz anders aus. Im Gegenteil, ich gehöre da zu dieser ganz ruhigen, wortlosen, versteckten und schüchternen Seite der Gesellschaft.

Ist wohl meistens so – vermutlich kompensiert jeder seine komplizierten Charakter-Eigenheiten und Ängste mit etwas eigentlich völlig Gegenteiligem, dafür aber in einer ganz anderen Form – so wie mit diesem Blog hier. Vermutlich schreibe ich ihn deswegen. Da hat das weltweite elektronische Netz doch glatt mal was Gutes hervorgebracht, man kann nämlich so irgendwie anonym bleiben, auch wenn man sein ganzes Leben hier in der Virtualität ausstreuselt.

Aber da draußen, im Alltag, bin ich einer von denen, die bei mehr als zwei Personen am Tisch gleich verstummen, wortkarg werden, Augenkontakt ist auch nicht immer das Wahre in solchen Fällen und tatsächlich anstrengend und schwierig – und generell fällt das Verhalten meinerseits dann auf das einer Stabheuschrecke zurück – bloß nicht auffallen und ja nicht sichtbar sein. Ab in den undurchdringlichen Blätterwald.

Ich kann mich zum Beispiel erinnern, dass ich mal ein Mädchen für ein Shooting in einem Café getroffen habe – die hat selbstbewusst mir ständig in die Augen geschaut. Aber nicht nur ein bisschen, so wie man das bei normalen Gesprächen macht… man schaut sich in die Augen, dann wieder zur Seite, dann auf den Tisch, in die Ferne, dann wieder in die Augen – es geht so ständig hin und her.

Bei ihr hingegen war es ein unentwegter, langer und konzentrierter Blick. In der halben Stunde an Gespräch, blickte sie vielleicht gerade Mal 5 Minuten woanders hin – der Rest war wie eine Fixierung, aber merkbar einfach ihre normale Kommunikationsart und auch nicht unfreundlich oder so. Eigentlich sogar positiv besetzt. Aber so was kann Menschen wie mich fertig machen – leider.

Und ich kann Euch auch sagen, dass das nicht lustig ist. Ernsthaft, es ist sogar wirklich anstrengend und macht viele Dinge im Leben unmöglich und auch nicht greifbar – ein bisschen wie eine Sachertorte, die hinter der Glasscheibe ist. Zwar hat man eine Gabel und Teller in der Hand, aber man kommt nicht an sie ran – und leidet an Hunger.

Dass man sich dann zurückzieht und den Teufelskreislauf wieder ins Rollen bringt, ist natürlich eine Art von instinktiver Reaktion, denn im oberen Geistesstübchen denkt man sich sehr wohl das Gegenteil, man weiß, was man falsch macht – und ärgert sich nachher maßlos. Es macht auch depressiv und einsam – und da weiß ich, von was ich rede.

Außerdem bringt diese Schüchternheit allerlei gesellschaftliche Nachteile mit sich, speziell in unserer heutigen, selbst- und ego-darstellerischen, harten und Alpha-Männchen-Lebensmentalität, man dient da als Schüchterner in der Masse entweder als (mentale) Ablagefläche oder als das Baustellenhütchen auf der Straße, das man mal eben ungeachtet umfährt (und sich auch umfahren lässt).

Wie auch immer – vorher zufällig in der FAZ entdeckt – Florian Werner hat nämlich ein Buch darüber geschrieben. Gelesen habe ich es (noch) nicht, aber immerhin spricht er in diesem Online-Interview nicht nur über das Buch, sondern auch ein paar Dinge an, wo man (s)ich denkt “Hey, ja – mir geht’s genauso”. Also eigentlich eh bei jedem Satz, wobei ich im Gegensatz zu ihm ein weiteres Problem habe, das dadurch die Problemlösung unheimlich erschwert… ich trinke keinen Alkohol zur Kompensation.

Ich gebe da aber trotzdem somit nichtsahnend mal einen Lesetipp, ohne den Inhalt genau zu kennen, aber online kann man ja problemlos mutig sein und großspurig sein. Da sieht mich ja keiner dabei.

Und hey, immerhin gibt es ein Mikro-Positiv-Lebens-Elektron… die bei der FAZ schreiben in einem anderen Artikel auch, dass laut Angstforschern Schüchterne besser lieben. Immerhin irgendwas… wobei da habe ich nicht viel davon, weil ich bin ja zu schüchtern, um das genussvoll auszuleben.

Mühsam ist das, ich sag’s Euch. Ernsthaft – und auch ganz ohne spaßige Ironie.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. die meinung der angstforscher erinnert mich sehr an die sexuellen aktivitäten der bonobos; die treiben es auch immer wegen der angstbewältigung bzw. dem stressabbau, nun ja, ob die häufigkeit sie deswegen gleich zu besseren liebhabern macht, hmh…. ;-)

  2. 1. für frauen ist es auch nicht leichter. es gibt auch “alphaweibchen” und null solidarität, so wie bei männern. da ist man immer alleinkämpferin

    2. meine neuste erfahrung zu diesem thema: legt man doch seine schwellenangst, egal aus welchem grund (alkohol oder sonst was) ab, erreicht dann alphamännchen alphaweibchen oder so irgendwas. und bei all diesen alphatierchen handelt sich`s meist um die arschlöcher in der gruppe.

    aber ja: oft wird schüchternheit von den anderen missverstanden. z. b. als arroganz oder desinteresse. das ist echt schwierig.

  3. Was? Wie? Komme nicht ganz mit bei Punkt 2…. “oder so irgendwas”? Verstehe ich das richtig – wenn man seine Ängste mit Alkohol ablegt, dann wird man z.B. zu einem Alphamännchen und bekommt das Alphaweibchen und ist zudem zeitgleich bei den “Arschlöchern”? Na ganz toll…

    • ja, irgendwie schon. also das kommt drauf an, denn im allgemeinen ist den arschlöchern ja nur selten bewusst, dass sie das sind.

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