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Freitag 04. August 2017

Gut, es nervt eine Kleinigkeit im Spiel der Humanoiden. Deswegen zur Klarstellung: dieses Rauspicken von Retro-Kram ist natürlich Gefühlsduselei von idealisierten Erinnerungen. Die schwarze Plastik-Casio beispielsweise ist zwar angeblich ein Klassiker, war aber damals auch nichts Anderes als sie heute ist. Billiges Plastik aus der Massenproduktion. Nichts Besonderes also. Genauso könnte man Autoreifen aus den 70ern sammeln oder Socken oder gar Kopfhörer aus dem 2002er-Jahr. Wert steht keiner dahinter, außer dem Kommerz an sich, der damit natürlich Geld macht. Klare Sache. Und es war weder was besser noch toller damals, auch wenn man es natürlich heutzutage romantisiert und recht bequem in dieser emotionalen Welle hinstellen kann - was ich auch hier im Blog immer wieder gerne tue.

Das ist mir natürlich durchaus bewusst, keine Frage. Allerdings ist es auch in Ordnung. Weil? Ganz einfach, weil es harmlos ist. Man pickt sich aus seiner Kindheit ein paar nette Dinge gedanklich raus, verknüpft sie mal eben mit Spaß, Abenteuer oder einem gelebten oder eben nie ausgelebten Stil und einer fiktiven Erfahrung, die durch Erinnerungs-Hörensagen-Schmalz sowieso immer in der Basis bereits verfälscht ist und lebt sie schlicht und ergreifend ohne therapeutisches Hinterfragen aus. Da passiert nichts dabei und es verschafft eine angenehme Stimmung, die sich leicht mit ein paar Klicks "beschaffen" lässt und einige Minuten mehr an Lebensfreude in seinem Hamsterrad konvertiert.

Also ja - wer mit einer Raiders-Kappe rumläuft, eine Casio-Taschenrechner-Uhr trägt, vielleicht noch eine Plastik-Lederjacke und Schallplatten zuhause an die Wand hängt, während er mit Converse durch die Stadt stapft, mag sich lächerlich machen in Augen vieler anderer, zukunftsorientierten, modernen Menschen mit dem gewissen, reifen Blick nach vorne, die dabei in der Gegenwart und Zukunft zugleich leben... nur auf der anderen Seite tut es niemanden weh und der Betreffende ist (vermutlich) eben ein wenig mehr glücklich als zuvor. So what? Ist ja umgekehrt nichts Anderes. Ob man sich die neueste Smartwatch kauft oder das kleinste, schnellste und zugleich größte Smartphone und den neuesten Trend aus dem Katalog trägt, macht ja eigentlich genau das Gleiche unter dem Summenstrich. Ebenso, wer immer dem selben Stil folgt oder der eleganten und ruhigen Nebenlinie oder zum Trotz den Plastik-Pünktchen-Regenstiefel-ich-zieh-mir-das-alte-Geschirrtuch-Leibchen-an-zum-Einkaufen-Style. Alles Schmafu in Wirklichkeit und genauso wenig Wert oder relevant wie die anderen Formen. Die Welt war immer schon ein Kreisel, der, wenn er sich ausgedreht hat, mit einem künstlichen Schwung wieder von vorne beginnt und sich erneut wieder im... Kreis dreht.

Wenn ich persönlich Jemanden sehe, der irgendein Old-School-Ding trägt, ist es manchmal durchaus amüsierend, oft sogar etwas peinlich - aber zugleich freue ich mich für ihn (und ich für mich, weil es mich ja selber erfreut). Aber mehr ist da auch nicht dahinter.

Nachtrag: Ja, ich baue hier natürlich vor, damit ich dann - wenn irgendwann dann endlich alle Uhren-Päckchen finalerweise da sind - ich es auch rechtfertigen kann und ihr keine ach so intelligenten, durchdachten, welterfahrenen Argumente der Tiefenpsychologie oder Finanzberechnung oder Sinn-Begründung habt, mit denen ihr dann angeben könnt und mir meine Uhren durch den Spielverderber-Kakao zieht - um wiederum Euer scharfsinniges, reifes Ego zu beglücken. Den Gefallen tue ich Euch nicht. Ha! \o/

Nachtrag: Und in Eurem tiefsten Herzen geht es Euch nämlich nicht anders und surft selber im Netz nach dem Kram. I know that!
21:10 Uhr / 04.08.2017 / 20170804191023.txt